Wenn Verhalten Fragen aufwirft

Warum es sich lohnt, hinter das sichtbare Verhalten eines Kindes zu schauen

Ein Kind schreit. Es läuft weg. Es schlägt. Es hört scheinbar nicht zu. Es verweigert etwas, das gestern noch problemlos möglich war. Oder es zieht sich zurück und scheint plötzlich kaum noch erreichbar. Was wir zuerst sehen, ist Verhalten.

Und natürlich müssen wir manchmal auf dieses Verhalten reagieren. Wir müssen Grenzen setzen, für Sicherheit sorgen oder eine Situation unterbrechen.

Doch wenn wir verstehen möchten, was ein Kind braucht, lohnt es sich, kleiner zu schauen. Denn Verhalten erzählt uns nicht automatisch, warum es gerade entsteht. 

 

Was könnte darunter liegen?

Vielleicht befindet sich das Kind auf dem roten oder blauen Pfad seines Nervensystems. Vielleicht ist die Situation sensorisch überwältigend. Vielleicht braucht es länger, um eine Information zu verarbeiten.

Vielleicht verlangt die Situation gerade eine Entwicklungskapazität, die noch nicht ausreichend zur Verfügung steht. Vielleicht hat das Kind eine Idee, bekommt sie aber motorisch nicht umgesetzt.

Vielleicht ist es hungrig, müde oder muss dringend auf die Toilette – und nimmt dieses Signal selbst noch gar nicht deutlich wahr.

Oder vielleicht gibt es etwas ganz anderes, das wir noch nicht verstanden haben. 

 

Was wir denken, macht einen Unterschied

Ob ich denke: „Mein Kind will nicht“ oder mich frage: „Kann mein Kind gerade nicht?“, verändert zunächst einmal nichts am sichtbaren Verhalten. Und doch verändert sich etwas in mir.

Wenn ich davon ausgehe, dass ein Kind absichtlich schwierig ist, nicht hören will oder nur Aufmerksamkeit sucht, werde ich anders reagieren, als wenn ich mich frage, was ihm gerade im Weg steht.

Vielleicht versuche ich im ersten Fall, das Verhalten möglichst schnell zu beenden. Ich erhöhe den Druck, kündige eine Konsequenz an, entziehe etwas oder stelle etwas Angenehmes in Aussicht, wenn das Kind tut, was ich von ihm erwarte.

Im zweiten Fall beginne ich zu suchen: Ist die Situation gerade zu viel? Fehlt dem Kind eine Fähigkeit, die diese Situation verlangt? Braucht es Unterstützung, Regulation, mehr Zeit oder eine andere Umgebung?

Mein Bild vom Kind beeinflusst meine Gedanken. Meine Gedanken beeinflussen meine Reaktion. Und meine Reaktion beeinflusst, wie wir beide aus dieser Situation herausgehen.

Vielleicht bleiben Frustration, Hilflosigkeit oder Scham zurück. Vielleicht erlebt das Kind immer wieder: Ich habe es wieder nicht geschafft. Was stimmt denn bloß nicht mit mir? Und vielleicht bleibt auch beim Erwachsenen das Gefühl zurück, nicht durchzudringen, immer strenger werden zu müssen oder selbst etwas falsch zu machen.

Oder es entsteht eine andere Erfahrung: Da war etwas schwierig – und wir haben gemeinsam herausgefunden, was mir im Weg stand.

Das Kind erlebt Unterstützung statt Beschämung und kann sich als zunehmend kompetent und selbstwirksam erfahren. Und auch der Erwachsene erlebt: Ich muss nicht gegen mein Kind arbeiten. Ich kann ihm helfen.

 

Wir müssen die Antwort nicht sofort kennen

Hinter das Verhalten zu schauen bedeutet nicht, für jedes Verhalten sofort eine Erklärung haben zu müssen. Wir dürfen beginnen, anders zu fragen. Nicht nur: Wie bekomme ich dieses Verhalten weg? Sondern vielleicht: Was könnte mir dieses Verhalten über das Kind erzählen?

Was ist gerade schwierig? Was steht ihm im Weg? Was braucht sein Nervensystem? Welche Fähigkeit verlangt die Situation gerade? Was wissen wir über sein individuelles Profil? Und was könnte ich verändern, damit es für dieses Kind ein kleines bisschen leichter wird? 

Manchmal werden wir eine Antwort finden. Und manchmal vielleicht auch nicht. Doch allein die Frage verändert bereits die Richtung, in die wir schauen.

 

Verstehen bedeutet nicht, dass jedes Verhalten in Ordnung ist

Dieser andere Blick bedeutet nicht, dass jedes Verhalten toleriert werden kann. Ein Kind darf wütend sein – und trotzdem darf ich verhindern, dass es einem anderen Kind wehtut. Ich kann eine Grenze setzen und gleichzeitig neugierig darauf bleiben, warum diese Grenze gerade notwendig geworden ist. 

Denn wenn wir nur versuchen, das sichtbare Verhalten zu verändern, übersehen wir möglicherweise die Geschichte darunter. Und manchmal verändert sich dadurch zunächst gar nicht das Kind. Sondern unser Blick.

Der Self-Reg-Forscher Stuart Shanker bringt diesen Gedanken in einem Satz auf den Punkt: „Wenn wir ein Kind anders sehen, sehen wir ein anderes Kind.“

 

Fachlicher Hintergrund

Die Gedanken in diesem Artikel sind geprägt von einem beziehungs- und regulationsorientierten Verständnis kindlichen Verhaltens. Eine wichtige fachliche Grundlage dafür ist unter anderem die Arbeit von Mona Delahooke, die Verhalten im Zusammenhang mit Nervensystem, individuellen Unterschieden und den jeweiligen Möglichkeiten eines Kindes betrachtet.

 

Literatur

Mona Delahooke:
Mehr als Verhalten. Neurowissenschaft und Mitgefühl helfen, Verhaltensprobleme von Kindern zu verstehen und zu lösen.
G. P. Probst Verlag, 2. Auflage 2024.

 

Wenn du diesen Gedanken vertiefen möchtest

Grün, Rot, Blau – drei Pfade des Nervensystems
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Individuelle Unterschiede – jedes Kinder erlebt die Welt anders
Über sensorische Wahrnehmung, Verarbeitung und die Frage, warum dieselbe Situation für zwei Kinder etwas völlig Unterschiedliches bedeuten kann.

Was uns im Leben trägt - Teil 1
Wie sich Regulation, Beziehung und die ersten Kommunikationskreise als Grundlage weiterer Entwicklung entfalten.

 

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