Individuelle Unterschiede - jedes Kind erlebt die Welt anders
Warum es nicht nur darauf ankommt, was ein Kind kann, sondern auch darauf, wie es die Welt wahrnimmt und verarbeitet
Zwei Kinder befinden sich im selben Raum. Sie hören dieselben Geräusche. Sie sehen dieselben Dinge. Sie bewegen sich durch denselben Raum. Und trotzdem erleben sie möglicherweise zwei ganz unterschiedliche Welten.
Das eine Kind nimmt den Traktor wahr, der draußen auf der Straße vorbeifährt – obwohl die Fenster geschlossen sind. Das andere scheint ihn überhaupt nicht zu bemerken.
Ein Kind könnte sich lange drehen, schaukeln oder springen und sucht immer wieder nach Bewegung. Ein anderes wird davon schnell unruhig oder fühlt sich unwohl.
Ein Kind genießt kräftigen Druck auf seinen Körper und fordert ihn vielleicht sogar immer wieder ein. Ein anderes empfindet genau diese tiefen Reize als unangenehm.
Keines dieser Kinder nimmt die Welt richtig oder falsch wahr. Sie nehmen sie unterschiedlich wahr. Und diese Unterschiede beeinflussen, wie leicht oder schwer es einem Kind gerade fällt, sich zu regulieren, einem anderen Menschen Aufmerksamkeit zu schenken, in Beziehung zu bleiben, zu kommunizieren, zu spielen, eine Handlung zu planen oder eine Idee umzusetzen.
Deshalb interessiert uns bei Naturspiel nicht nur: Was kann ein Kind? Sondern auch: Wie erlebt dieses Kind die Welt – und was bedeutet das für seine Entwicklung?
Informationen. Nicht mehr und nicht weniger.
Ein individuelles Profil soll ein Kind nicht bewerten. Es soll uns auch keine Liste darüber liefern, was mit einem Kind „nicht stimmt“. Es gibt uns Informationen.
Und im besten Fall können wir diese Informationen nutzen, um ein Kind besser zu verstehen und Bedingungen zu schaffen, unter denen Beziehung und Entwicklung leichter möglich werden.
Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ein Kind Geräusche besonders intensiv wahrnimmt und gleichzeitig noch viel Unterstützung bei seiner Regulation braucht, werde ich meine ersten Versuche einer gemeinsamen Aufmerksamkeit vielleicht nicht mitten in einer Kindergartengruppe mit 25 anderen Kindern starten.
Wenn ich weiß, dass ein anderes Kind von visuellen Reizen besonders stark angezogen wird, stelle ich vielleicht nicht gerade eine faszinierende Lavalampe zwischen uns, während ich versuche, mit ihm in Kontakt zu kommen.
Nicht weil eine volle Kindergartengruppe oder eine Lavalampe grundsätzlich schlecht wären. Sondern weil ich mich frage: Was braucht genau dieses Kind, damit Begegnung möglich wird?
Was gehört zu einem individuellen Profil?
Ein individuelles Profil besteht aus vielen kleinen Puzzleteilen. Manche davon fallen uns im Alltag sofort auf. Andere entdecken wir erst, wenn wir beginnen, genauer hinzuschauen.
Sensorische Wahrnehmung ist ein wichtiger Teil davon. Doch auch die visuell-räumliche Verarbeitung, körperliche und motorische Voraussetzungen, die Geschwindigkeit, mit der Informationen verarbeitet werden, Handlungsplanung und Initiation sowie Sprache und Kommunikation können beeinflussen, wie ein Kind eine Situation erlebt und welche Möglichkeiten ihm darin gerade zur Verfügung stehen.
Wie nehme ich die Welt wahr?
Wir denken bei unseren Sinnen häufig zuerst an Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Doch unser Nervensystem verarbeitet noch weitere Informationen: darüber, wie wir uns bewegen, wo sich unser Körper befindet und was in unserem Körperinneren gerade geschieht.
Acht Wahrnehmungsbereiche helfen uns dabei, das individuelle sensorische Profil eines Kindes genauer kennenzulernen.
Wo bin ich - und wo ist der Rest der Welt?
Neben den einzelnen sensorischen Informationen spielt auch eine Rolle, wie wir räumliche Beziehungen wahrnehmen und verarbeiten.
Die visuell-räumliche Wahrnehmung hilft uns dabei, zu erfassen, wo sich unser eigener Körper, andere Menschen und Gegenstände befinden und wie sie räumlich zueinander in Beziehung stehen.
Dazu gehört zum Beispiel, Entfernungen einzuschätzen, Größen und Formen wahrzunehmen, die Position von Gegenständen zueinander zu erfassen oder abzuschätzen, wohin sich etwas bewegt.
Und es geht um unseren eigenen Körper: Wo bin ich im Raum? Wie weit bin ich von einem anderen Menschen oder Gegenstand entfernt? Passe ich durch diese Lücke? Wie hoch ist diese Stufe? Wie weit muss ich meine Hand ausstrecken?
Diese Verarbeitung begegnet uns in unzähligen Alltagssituationen.
Ein Kind schenkt sich Wasser ein. Wieder ist das Glas viel zu voll. Beim nächsten Mal geht ein Teil daneben. Wir haben doch schon so oft gesagt, dass es langsamer machen und besser aufpassen soll.
Vielleicht ist es für dieses Kind aber tatsächlich schwierig einzuschätzen, wo sich der Krug im Verhältnis zum Glas befindet, wie weit es ihn kippen muss oder wann der richtige Moment gekommen ist, die Bewegung zu stoppen.
Plötzlich verändert sich etwas. Noch nicht unbedingt beim Kind. Aber in unserem Blick auf das Kind.
Was muss mein Körper gerade leisten?
Auch die motorischen Voraussetzungen eines Kindes gehören zu seinem individuellen Profil. Wie ist seine Körperspannung? Wie gut kann es sein Gleichgewicht halten? Wie gelingt es ihm, Bewegungen zu koordinieren? Wie viel Kraft und Ausdauer stehen ihm zur Verfügung?
Das ist nicht nur dafür interessant, ob ein Kind gut laufen, klettern oder einen Ball fangen kann. Es kann sich unmittelbar auf Beziehung und Kommunikation auswirken.
Stell dir ein Kind vor, das Schwierigkeiten mit seinem Gleichgewicht hat. Auf einem ebenen Boden kann es vielleicht wunderbar mit dir kommunizieren. Dann geht ihr gemeinsam über einen unebenen Schotterweg. Plötzlich schaut es dich kaum noch an, antwortet weniger und scheint ganz mit sich selbst beschäftigt.
Seine Fähigkeit zur Kommunikation ist nicht plötzlich verschwunden. Vielleicht braucht sein Körper gerade einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit dafür, das Gleichgewicht zu halten und seine Bewegungen zu koordinieren.
Manche Kinder brauchen nicht mehr Information. Sie brauchen mehr Zeit.
Nicht nur was ein Kind wahrnimmt, ist individuell. Auch wie schnell es Informationen verarbeitet. Manche Kinder reagieren beinahe unmittelbar auf eine Frage, eine Bewegung oder einen Blick. Andere brauchen deutlich mehr Zeit, bis aus einer wahrgenommenen Information eine Antwort werden kann.
Und genau hier passiert im Alltag etwas sehr Menschliches: „Möchtest du Apfel oder Banane?“ Keine Antwort. „Apfel oder Banane?“ Noch immer nichts. „Was möchtest du? Apfel? Banane?“
Wir wollen helfen – und liefern deshalb noch mehr Information. Dabei ist das Kind möglicherweise noch mit der ersten Frage beschäftigt.
Manche Kinder brauchen nicht mehr Information. Sie brauchen mehr Zeit für die Information, die sie bereits bekommen haben.
Das kann bedeuten, nach einer Frage tatsächlich zu warten. Eine Bewegung nicht sofort zu wiederholen. Oder aufmerksam auf eine Antwort zu achten, die vielleicht viel kleiner ausfällt, als wir erwartet haben.
Eine Idee haben - und sie in die Welt bringen
Auch Handlungsplanung gehört zum individuellen Profil. Kann ein Kind eine eigene Idee entwickeln? Kann es die Umsetzung dieser Idee planen? Kann es dafür mehrere Schritte aneinanderreihen? Kann sein Körper die Idee so umsetzen, wie das Kind sie geplant hat? Und was passiert, wenn etwas anders läuft als erwartet?
Manchmal sieht es von außen aus, als hätte ein Kind „keine Idee“. Vielleicht ist die Idee aber längst vorhanden und der Einstieg in die Handlung ist schwierig. Vielleicht gelingt der erste Schritt, doch mehrere Schritte hintereinander werden kompliziert. Vielleicht weiß das Kind genau, was es möchte – sein Körper bekommt es nur nicht so umgesetzt.
Je genauer wir hinschauen, desto eher können wir unterscheiden: Wo braucht dieses Kind gerade Unterstützung?
Und was ist mit Sprache?
Auch Sprache und Kommunikation gehören zum individuellen Profil. Wie gut versteht ein Kind gesprochene Sprache? Wie viele Worte auf einmal kann es verarbeiten? Wie leicht kann es selbst ausdrücken, was es denkt oder möchte?
Und welche Rolle spielen dabei Mimik, Gestik, Körperhaltung, Stimme und andere Formen nonverbaler Kommunikation?
Ein großer Wortschatz bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind Sprache in jeder Situation gleich gut verarbeiten kann.
Und wenig gesprochene Sprache bedeutet nicht, dass ein Kind wenig versteht oder wenig mitzuteilen hat.
Deshalb lohnt es sich auch hier, nicht nur darauf zu schauen, wie viel ein Kind spricht. Sondern darauf, wie es Informationen aufnimmt und verarbeitet – und wie es selbst mit anderen Menschen in Austausch tritt.
Individuelle Unterschiede können Entwicklung erschweren - und ermöglichen
Wenn wir über individuelle Profile sprechen, kann schnell der Eindruck entstehen, es gehe vor allem darum herauszufinden, welche Reize wir vermeiden und welche Situationen wir einem Kind erleichtern sollten.
Das ist nur die eine Seite. Denn dieselben Informationen können uns zeigen, wo besonders viel Entwicklung möglich wird.
Ein Kind sucht vielleicht intensive Bewegung. Es liebt es, hochgehoben zu werden. Ich hebe es hoch. Es landet wieder bei mir. Noch einmal. Und noch einmal. Dann höre ich auf. Vielleicht schaut das Kind mich an. Vielleicht bewegt es seinen Körper in meine Richtung. Vielleicht hebt es die Arme oder nimmt meine Hände. Noch einmal.
Ein Kommunikationskreis entsteht. Ich antworte und hebe es wieder hoch. Nach einigen Durchgängen warte ich ein kleines bisschen länger. Das Kind muss deutlicher werden. Aus einer Bewegung, die dieses Kind liebt und sucht, entstehen gemeinsame Aufmerksamkeit, Freude an Beziehung, Initiative, viele Kommunikationskreise und gemeinsames Dranbleiben.
Ähnlich kann es mit tiefen Reizen sein. Ein Kind genießt vielleicht kräftigen Druck auf seinen Körper. Ich drücke es für einen kurzen Moment zusammen. „Drücken, drücken, drücken.“ Dann lasse ich los. Das Kind nimmt meine Hände und legt sie wieder um seinen Körper. Noch einmal. Und plötzlich ist da nicht nur ein Reiz, der dem Körper guttut. Da ist Kommunikation. Das Kind initiiert. Ich antworte. Wir teilen eine Erfahrung miteinander. Ein sensorisches Bedürfnis kann so zu einer wunderbaren Andockstelle für Beziehung und Entwicklung werden.
Das individuelle Profil sagt uns deshalb nicht nur: Was ist für dieses Kind schwierig? Es kann uns genauso zeigen: Wo liegen seine Zugänge? Was bringt es zum Leuchten? Und wo finden wir besonders gute Bedingungen für Beziehung und Entwicklung?
Auch du hast ein individuelles Profil
Individuelle Unterschiede gibt es nicht nur bei Kindern. Auch du hörst, siehst, riechst, schmeckst, fühlst und bewegst dich auf deine ganz eigene Weise. Auch du verarbeitest Informationen in deinem Tempo. Auch dein Körper hat Vorlieben, Bedürfnisse und Grenzen.
Vielleicht brauchst du Ruhe, um dich konzentrieren zu können. Vielleicht kannst du beim Gehen viel besser zuhören als beim Sitzen. Vielleicht liebst du Bewegung. Vielleicht wird dir schon beim Zuschauen auf der Schaukel schwindelig.
Und auch das spielt in der Beziehung mit deinem Kind eine Rolle. Manchmal passen die Bedürfnisse von zwei Menschen wunderbar zusammen. Und manchmal sind sie sehr unterschiedlich. Vielleicht reguliert sich dein Kind gerade über Bewegung, während du selbst Ruhe brauchst.
Es geht dann nicht darum, deine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und dich möglichst perfekt an dein Kind anzupassen. Auch dein Profil gehört zu eurer gemeinsamen Welt.
Beziehung entsteht zwischen mindestens zwei Menschen. Je besser wir nicht nur das Kind, sondern auch uns selbst kennenlernen, desto eher können wir Wege finden, auf denen beide miteinander in Verbindung bleiben können.
Wenn ein "kann nicht" wie ein "will nicht" aussieht
Das Wasserglas von vorhin ist nur ein kleines Beispiel. Individuelle Unterschiede können an vielen Stellen dazu führen, dass etwas, das ein Kind gerade nicht kann, von außen so aussieht, als würde es nicht wollen oder absichtlich nicht machen.
Das bedeutet nicht, dass hinter jedem Verhalten eine sensorische, motorische oder andere individuelle Besonderheit steckt. Es erinnert uns nur daran, vor einer schnellen Bewertung noch einmal neugierig zu werden. Vielleicht gibt es etwas, das wir bisher noch nicht gesehen haben. Wissen über individuelle Unterschiede kann dadurch etwas sehr Wertvolles bewirken: Es kann Druck aus Beziehungen nehmen.
Und genau an dieser Stelle berührt das individuelle Profil eine noch größere Frage: Was geschieht, wenn wir Verhalten nicht nur danach beurteilen, wie es von außen aussieht, sondern neugierig darauf werden, was darunter liegen könnte?
Weiterlesen: Wenn Verhalten Fragen aufwirft

Fachlicher Hintergrund
Der Begriff der individuellen Unterschiede ist ein zentraler Bestandteil des DIR®-Modells. DIR steht für Developmental, Individual-differences, Relationship-based: Entwicklung, individuelle Unterschiede und Beziehung.
Das Modell betrachtet Entwicklung nicht losgelöst von den individuellen Voraussetzungen eines Menschen. Dazu gehören unter anderem Unterschiede in der sensorischen und motorischen Verarbeitung, der Verarbeitung von Informationen, der Handlungsplanung und Kommunikation. Das „I“ in DIR fragt damit danach, wie dieses individuelle Kind die Welt wahrnimmt, verarbeitet und auf sie antwortet.
Mein Verständnis individueller Unterschiede ist wesentlich durch meine Ausbildung in DIRFloortime® beim International Council on Development and Learning (ICDL) sowie durch meine praktische Arbeit mit Kindern und ihren Familien geprägt.
Literatur und weiterführende Grundlagen
Sibylle Janert, André Zirnsak, Ilaria Acerbi & Stephanie Hohndorf:
Autismus beziehungsorientiert behandeln. Handbuch zur DIRFloortime-Methode.
Ernst Reinhardt Verlag, 3. Auflage 2026.
Mona Delahooke:
Mehr als Verhalten. Neurowissenschaft und Mitgefühl helfen, Verhaltensprobleme von Kindern zu verstehen und zu lösen.
G. P. Probst Verlag, 2. Auflage 2024.
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