Was uns im Leben trägt
Wie sich soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten entwickeln - Teil 1: Regulation, Beziehung und erste Kommunikationskreise
Wenn wir an Entwicklung denken, denken wir oft an Dinge, die wir gut sehen können. Ein Kind spricht sein erstes Wort. Es spielt mit einem anderen Kind. Es erzählt eine Geschichte. Es findet eine Lösung für ein Problem. Es kann erklären, warum es wütend ist.
Doch bevor all das möglich wird, geschieht etwas viel Grundlegenderes. Ein Kind beginnt, in der Welt anzukommen. Es kann wahrnehmen, was um es herum geschieht. Ein anderer Mensch taucht in dieser Welt auf und wird zunehmend bedeutsam. Und irgendwann entdeckt das Kind: Ich kann etwas tun – und du antwortest mir.
Die sozial-emotionalen Entwicklungskapazitäten beschreiben diese Entwicklung von ihren frühesten Anfängen bis hin zu immer komplexerem gemeinsamen Denken. Sie bilden ein Fundament, auf dem später symbolisches Spiel, Sprache, Problemlösen und logisches Denken aufbauen können.
Dabei ist etwas Wichtiges zu beachten: Entwicklung baut einerseits aufeinander auf – und andererseits auch wieder nicht. Was bedeutet das?
Grundlegende Kapazitäten schaffen wichtige Voraussetzungen für die nächsten. Gleichzeitig entwickeln Kinder ihre Fähigkeiten nicht Stufe für Stufe. Manche Kinder überspringen Entwicklungskapazitäten scheinbar. Sie haben eine höhere Kapazität ganz oder teilweise erreicht, während darunterliegende noch wenig stabil zur Verfügung stehen.
Und Entwicklungskapazitäten sind dynamisch. Das bedeutet: Wir erreichen eine Kapazität nicht irgendwann und besitzen sie von diesem Zeitpunkt an für immer und in jeder Situation. Kinder – und auch wir Erwachsene – bewegen uns ständig zwischen ihnen hin und her.
Vielleicht kennst du das selbst: Mit einem Menschen, bei dem du dich sicher fühlst, kannst du zuhören, erzählen, unterschiedliche Meinungen stehen lassen und gemeinsam nach einer Lösung suchen.
Und dann gerätst du in einen Konflikt. Dein Nervensystem bewegt sich Richtung Rot. Plötzlich fällt es viel schwerer, die Perspektive des anderen einzunehmen. Vielleicht unterbrichst du, ziehst dich zurück oder sagst etwas, das du eine Stunde später ganz anders formulieren würdest.
Dein Wissen ist nicht verschwunden. Deine Fähigkeit zu differenziertem Denken auch nicht. Doch in diesem Moment stehen dir vielleicht weniger deiner Entwicklungskapazitäten zur Verfügung.
Entwicklung ist also keine Treppe, die wir einmal hinaufsteigen und anschließend hinter uns lassen. Und trotzdem fängt sie irgendwo an.
Kapazität 1 - Ich bin da und die Welt kann mich erreichen
Bevor wir gemeinsam spielen, kommunizieren, Probleme lösen oder Geschichten erfinden können, braucht es etwas sehr Grundlegendes: Wir müssen ausreichend da sein.
Unser Körper braucht einen Zustand, in dem wir wahrnehmen können, was in uns und um uns herum geschieht. Unsere Aufmerksamkeit kann sich der Welt zuwenden. Etwas weckt unser Interesse. Ein anderer Mensch kann Teil dessen werden, was wir wahrnehmen.
Darum geht es in der ersten Entwicklungskapazität. Regulation bedeutet dabei nicht: ruhig sein. Ein reguliertes Kind sitzt nicht zwangsläufig ruhig am Tisch. Es kann hüpfen. Rennen. Laut lachen. Schaukeln. Singen. Die entscheidende Frage ist also nicht: Ist das Kind ruhig? Sondern: Ist es ausreichend da?
Kann es wahrnehmen, was geschieht? Kann seine Aufmerksamkeit bei etwas bleiben? Kann es sich für einen Moment für etwas in seiner Umgebung interessieren?
Und irgendwann kann in dieser Aufmerksamkeit auch ein anderer Mensch auftauchen. Vielleicht beschäftigt sich ein Kind mit etwas, und ich beginne neben ihm etwas Ähnliches zu tun. Zunächst sind wir einfach zwei Menschen, die nebeneinander dasselbe machen.
Und dann bemerkt das Kind mich. Vielleicht hält es kurz inne. Vielleicht dreht es seinen Körper ein Stück zu mir. Vielleicht schaut es kurz zu mir und dann wieder zu dem, womit wir beide gerade beschäftigt sind. Für einen Moment teilen wir unsere Aufmerksamkeit.
Das hat vielleicht noch nicht die Tiefe der nächsten Entwicklungskapazität. Noch geht es nicht um das liebevolle Aufeinander-Einlassen, um die Freude aneinander oder darum, die vertraute Nähe eines anderen Menschen zu genießen. Doch es ist ein Beginn.
Wir sind beide ausreichend im Hier und Jetzt, um einander wahrzunehmen – und etwas in diesem Moment miteinander zu teilen. Du bist da. Ich bin da. Und für einen kleinen Moment sind wir gemeinsam da.
Regulation ist kein Endpunkt. Sie ist kein Zustand, den wir einmal erreichen und anschließend möglichst lange bewahren. Sie verändert sich fortwährend. Und mit ihr verändert sich auch, was einem Kind in diesem Moment möglich ist.
Deshalb ist Regulation kein Endpunkt. Sie schafft Möglichkeiten für das, was danach entstehen kann. Vielleicht schaukelt ein Kind eine Weile. Irgendwann verändert sich etwas. Sein Körper wird weicher. Es nimmt meine Anwesenheit wieder stärker wahr. Da ist ein kleines Fenster. Vielleicht halte ich die Schaukel einen Moment an. Ich warte. Vielleicht wendet sich das Kind mir zu. Vielleicht nimmt es meine Hand und bewegt sie: Weiter. Plötzlich ist da mehr als Regulation. Etwas ist zwischen uns entstanden.
Aus Regulation kann gemeinsame Aufmerksamkeit werden. Aus gemeinsamer Aufmerksamkeit kann Beziehung entstehen. Und aus Beziehung kann sich Kommunikation entwickeln.
Ein Kind muss diesen Weg nicht alleine finden. Wir können unsere Stimme, unseren Rhythmus, unsere Bewegung, Nähe oder Ruhe anbieten – und beobachten, was dem Kind hilft, wieder mehr verfügbar zu werden. Darum geht es bei Co-Regulation.
Kapazität 2 - Du wirst für mich wichtig
In der ersten Entwicklungskapazität ging es darum: Du kannst mich erreichen. Nun verändert sich etwas. Du wirst für mich wichtig.
Der andere Mensch ist nicht mehr nur Teil der Umgebung. Er wird vertraut. Das Kind beginnt, gemeinsame Momente zu genießen. Vielleicht wird sein Körper weicher, wenn ein vertrauter Mensch auftaucht. Vielleicht entsteht ein gemeinsames Lachen. Vielleicht sucht es immer wieder die Nähe dieses Menschen.
Beziehung bekommt einen eigenen Wert. Mit dir bin ich gerne zusammen. Mit der Zeit entdeckt ein Kind, dass manche Erfahrungen gemeinsam anders sind als alleine. Vielleicht lustiger. Spannender. Wärmer. Es kann sich lohnen, aus der eigenen Welt einen Schritt in eine gemeinsame zu machen – nicht, weil dort jemand wartet, der etwas vom Kind möchte. Nicht, weil eine Aufgabe erledigt werden soll. Sondern weil das Zusammensein selbst interessant geworden ist. Mit dir bin ich gerne zusammen.
Und Beziehung muss dabei nicht bedeuten, ständig miteinander verbunden zu sein. Ein Kind spielt vielleicht einige Minuten mit uns und entfernt sich dann. Es läuft durch den Raum, beschäftigt sich mit etwas anderem oder braucht Abstand.
Und irgendwann kommt es zurück. Vielleicht setzt es sich wieder neben uns. Vielleicht bringt es etwas mit. Vielleicht wartet es auf etwas Vertrautes aus unserem gemeinsamen Spiel. Auch dieses Zurückkommen kann Beziehung erzählen: Ich brauchte Abstand. Und trotzdem habe ich dich nicht vergessen.
Auch unser Affekt – unsere Stimme, Mimik, Gestik und Körpersprache – hilft dabei, füreinander lesbar zu werden. Wie viel davon ein Kind gut aufnehmen kann, ist sehr unterschiedlich. Es geht nicht darum, möglichst interessant zu werden, sondern darum herauszufinden, wie wir einander gut erreichen können.
Und irgendwann geschieht noch etwas. Bisher haben vor allem wir Erwachsenen versucht, das Kind zu erreichen. Nun beginnt das Kind selbst zu entdecken, dass auch es etwas bewirken kann.
Kpazität 3 - Ich entdecke, dass ich dich erreichen kann
Ein Lachen. Ein Laut. Eine Hand, die nach meiner greift. Ein Gegenstand, der mir hingehalten wird. Ein energisches Wegschieben. Den Kopf wegdrehen. Protestieren. Zustimmen. Vielleicht irgendwann ein Wort. Etwas geht vom Kind aus – und ein anderer Mensch antwortet darauf.
Kommunikation beginnt, zu einem Hin und Her zu werden - ein Kommunikationskreis entsteht. Wenn ich in Elternkursen erklären möchte, was ein Kommunikationskreis ist, brauche ich dafür meistens keine lange Erklärung.
Ich halte einer Teilnehmerin einfach die Fernbedienung des Beamers hin. Bis jetzt hat noch jede sie genommen. Das war bereits ein Kommunikationskreis.
Ich öffne: Ich halte dir die Fernbedienung hin. Du schließt: Du nimmst sie. Vielleicht gibt sie mir die Fernbedienung anschließend zurück, ich schaue sie an und nehme sie. Und schon öffnet und schließt sich der nächste Kreis.
Kommunikation muss also nicht mit Sprache beginnen. Jemand tut etwas, das einen anderen Menschen erreicht. Der andere nimmt es wahr und antwortet. Ein Kreis hat sich geschlossen. Und dann kann der nächste beginnen.
In den ersten beiden Entwicklungskapazitäten liegt zunächst viel bei uns Erwachsenen. Wir beobachten, probieren aus, passen uns an und versuchen herauszufinden, wie wir das Kind erreichen können. Bei Floortime wird diese Phase sehr anschaulich als „Schwitzphase“ bezeichnet.
Doch irgendwann verändert sich unsere Aufgabe. Denn ein Kind soll nicht nur entdecken: Du kannst mich erreichen. Es soll auch erleben: Ich kann dich erreichen.
Und dafür müssen wir zunehmend Raum lassen. Wenn immer ich den nächsten Kommunikationskreis öffne, muss das Kind keinen öffnen. Und deshalb wird aus der Schwitzphase zunehmend eine Wartephase.
Warten klingt zunächst recht einfach. Und doch ist es erstaunlich schwer. Denn Initiative beginnt nicht immer mit einer großen Geste. Vielleicht verändert sich nur die Körperhaltung. Ein Finger bewegt sich. Ein Laut entsteht. Eine Hand beginnt, nach unserer zu suchen.
Solche kleinen Initiativen brauchen manchmal einen Moment, in dem noch nicht feststeht, was als Nächstes passiert. Eine kleine Lücke, die das Kind selbst füllen kann. Wenn nichts kommt, dürfen wir selbstverständlich wieder eine Einladung machen. Warten bedeutet nicht, sich zurückzulehnen und nichts mehr zu tun. Es ist ein Hin und Her zwischen erreichen und Raum lassen, anbieten und beobachten, öffnen und warten.
Und mit der Zeit werden aus einzelnen Kommunikationskreisen vielleicht zwei. Dann fünf. Dann zwanzig. Eine gemeinsame Welt beginnt zu entstehen.
Die Kapazitäten tragen einander
Und jetzt könnten wir glauben, Kapazität 1 sei erledigt, sobald wir bei Kapazität 3 angekommen sind. So funktioniert Entwicklung allerdings nicht.
Einem Kind, das ich begleite, fällt der Beginn unserer gemeinsamen Stunde oft schwer. Er ist dysreguliert, schreit und beißt.
Eines Tages beginne ich mit einem Lichtschalter zu spielen. Ich schalte das Licht ein. Er schaltet es aus. Ich ein. Er aus. Ein. Aus. Ein. Aus. Eigentlich sind wir mitten in Kapazität 3: wechselseitige Kommunikation.
Doch dann passiert noch etwas anderes. Es macht ihm Spaß. Mit mir. Aus dem Hin und Her entsteht Freude aneinander. Kapazität 2 wird wieder zugänglicher. Und diese Verbindung hilft ihm schließlich auch dabei, sich zu regulieren.
Kapazität 3 unterstützt Kapazität 2. Kapazität 2 unterstützt Kapazität 1. Die Entwicklungskapazitäten tragen einander. In beide Richtungen. Und vielleicht ist deshalb die Frage gar nicht immer: Welche Kapazität kann mein Kind schon? Sondern viel eher: Was steht ihm gerade zur Verfügung – und was kann zwischen uns daraus entstehen?
Und dann?
Irgendwann werden aus einzelnen Kommunikationskreisen längere Ketten.
Ein Kind kann nicht nur antworten oder selbst einen Kontakt beginnen. Es kann mit einem anderen Menschen über viele Kreise hinweg bei einer gemeinsamen Sache bleiben.
Und dann können sogar kleine Hindernisse auftauchen. Etwas funktioniert nicht wie erwartet. Zwei Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen. Ein Plan muss verändert werden.
Dann reicht es nicht mehr nur, einander zu erreichen. Wir müssen gemeinsam dranbleiben. Und genau dort beginnt die vierte Entwicklungskapazität.
Weiterlesen: Was uns im Leben trägt - Teil 2

Fachlicher Hintergrund
Die sozial-emotionalen Entwicklungskapazitäten sind ein zentraler Bestandteil des DIR®-Modells. DIR steht für Developmental, Individual-differences, Relationship-based: Entwicklung, individuelle Unterschiede und Beziehung.
Im DIR-Modell beschreiben die Entwicklungskapazitäten grundlegende Fähigkeiten, die es einem Menschen ermöglichen, zunehmend in Beziehung zu treten, wechselseitig zu kommunizieren, gemeinsam Probleme zu lösen und schließlich mit Ideen zu spielen und immer komplexer zu denken. Dabei werden sie nicht als starre Entwicklungsstufen verstanden, sondern als dynamische Kapazitäten, die sich gegenseitig tragen und uns je nach Situation unterschiedlich gut zur Verfügung stehen. Das entspricht auch der Beschreibung des ICDL, das die Functional Emotional Developmental Capacities ausdrücklich als fließender und weniger linear versteht als einen klassischen Fertigkeitserwerb.
Mein Verständnis der Entwicklungskapazitäten ist wesentlich durch meine Ausbildung in DIRFloortime® beim International Council on Development and Learning (ICDL) sowie durch meine praktische Arbeit mit Kindern und ihren Familien geprägt.
Literatur und weiterführende Grundlagen
Stanley I. Greenspan & Serena Wieder:
Engaging Autism. Using the Floortime Approach to Help Children Relate, Communicate, and Think.
Da Capo Press, 2006.
Engaging Autism gehört zu den Grundlagenwerken meiner DIRFloortime®-Ausbildung. Eine deutschsprachige Ausgabe ist leider nicht verfügbar.
Sibylle Janert, André Zirnsak, Ilaria Acerbi & Stephanie Hohndorf:
Autismus beziehungsorientiert behandeln. Handbuch zur DIRFloortime-Methode.
Ernst Reinhardt Verlag, 3. Auflage 2026.
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Naturspiel begleitet Kinder und ihre Familien dabei, eine gemeinsame Welt zu entdecken – damit Beziehung wachsen und Entwicklung entstehen kann.
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