Grün, Rot, Blau - drei Pfade des Nervensystems
Warum ein Kind manchmal nicht auf das zugreifen kann, was es eigentlich schon kann
Manchmal kann ein Kind etwas. Und zehn Minuten später scheint genau diese Fähigkeit wie verschwunden. Es kann sprechen – und findet plötzlich keine Worte mehr. Es kann gemeinsam spielen – und wirft auf einmal alles durch den Raum. Es kann eine kleine Veränderung aushandeln – und heute bringt schon der falsche Becher die Welt ins Wanken.
Dann lohnt es sich, nicht nur darauf zu schauen, was ein Kind kann, sondern auch darauf, in welchem Zustand es sich gerade befindet. Ein hilfreiches Bild dafür sind unterschiedliche Pfade, die wir mit drei Farben beschreiben können: grün, rot und blau.
Diese Farben sind keine Diagnose. Sie sind keine Schubladen. Und sie sagen nichts darüber aus, wer ein Kind ist. Sie helfen uns dabei, etwas Unsichtbares ein bisschen sichtbarer zu machen: Was könnte im Nervensystem dieses Kindes gerade geschehen?
Der grüne Pfad
Ich fühle mich sicher. Ich bin da.
Auf dem grünen Pfad ist unser Nervensystem ausreichend reguliert. Wir können wahrnehmen, was um uns herum geschieht, und gleichzeitig mit anderen Menschen verbunden bleiben.
Ein Kind kann spielen, entdecken und lernen. Es kann kommunizieren, neugierig sein und auf andere Menschen eingehen – natürlich immer im Rahmen dessen, was ihm entwicklungsmäßig bereits zur Verfügung steht.
Grün bedeutet deshalb nicht: Das Kind ist ruhig und macht, was ich möchte.
Ein Kind kann auf dem grünen Pfad laut lachen, wild spielen, durch den Raum hüpfen und voller Energie sein. Entscheidend ist vielmehr: Es ist da. Es fühlt sich ausreichend sicher. Und es kann auf seine Möglichkeiten zugreifen.
Der rote Pfad
Achtung! Hier stimmt etwas nicht.
Auf dem roten Pfad ist das Nervensystem in Alarmbereitschaft. Der Körper mobilisiert Energie. Ein Kind rennt vielleicht davon. Es schreit, haut, tritt, zwickt, spuckt, wirft etwas durch den Raum oder versucht mit aller Kraft, eine Situation zu beenden.
Von außen sehen wir dann schnell ein Verhalten, das wir stoppen möchten. Von innen könnte die Geschichte eine ganz andere sein: Mein System versucht gerade, mich zu schützen.
In diesem Zustand kann es für ein Kind sehr viel schwieriger oder sogar unmöglich sein, auf Fähigkeiten zuzugreifen, die es grundsätzlich schon entwickelt hat. Dann helfen lange Erklärungen, Diskussionen oder ein „Du weißt doch, dass …“ oft wenig.
Nicht unbedingt, weil das Kind nicht zuhören will. Vielleicht kann es das gerade nicht. Unser erstes Ziel ist dann deshalb nicht, eine Lektion zu vermitteln oder ein Verhalten zu besprechen. Zuerst möchten wir dem Nervensystem helfen, wieder ausreichend Sicherheit zu finden.
Der blaue Pfad
Es ist zu viel. Ich ziehe mich zurück.
Wenn Mobilisierung nicht mehr ausreicht oder ein System sehr stark belastet ist, kann etwas ganz anderes sichtbar werden. Das Kind wird vielleicht still. Es zieht sich zurück. Sein Blick scheint weit weg. Es antwortet kaum oder gar nicht. Vielleicht wirkt es, als wäre es überhaupt nicht mehr richtig da.
Blau kann von außen manchmal sogar „ruhiger“ aussehen als Rot. Doch: Ruhig bedeutet nicht automatisch reguliert.
Ein stilles Kind ist nicht zwangsläufig ein Kind, das sich sicher fühlt. Auch hier geht es deshalb nicht darum, möglichst schnell wieder Leistung, Kommunikation oder Kooperation herzustellen.
Zuerst braucht es Sicherheit. Manchmal bedeutet Begleitung dann weniger Worte, weniger Fragen und weniger Tun. Vielleicht genügt zunächst ein Mensch, der da ist.
Wenn Blau plötzlich Rot wird
Ein Kind war gerade noch ganz still und zurückgezogen. Plötzlich beginnt es sich mehr zu bewegen. Es wird lauter. Vielleicht protestiert es sogar. Für Erwachsene kann das irritierend sein: Es war doch gerade noch so ruhig. Warum wird es jetzt wieder schlimmer?
Doch mehr Aktivierung muss nicht automatisch bedeuten, dass es dem Kind schlechter geht. Beim Weg aus einem starken Rückzug kann zunächst mehr Mobilisierung sichtbar werden. Ein Kind, das vorher kaum erreichbar schien, kann wieder deutlichere und aktivere Reaktionen zeigen.
Deshalb lohnt es sich auch hier, neugierig zu bleiben. Nicht nur: Wie bekommen wir dieses Verhalten wieder weg? Sondern: Was könnte uns diese Veränderung gerade erzählen?
Kein Pfad ist gut oder schlecht
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Gedanken dieses Modells. Es geht nicht darum, Kinder möglichst schnell „auf Grün zu bekommen“. Rot und Blau sind keine Fehler des Nervensystems. Sie können als Schutzreaktionen verstanden werden, mit denen unser System auf Belastung oder wahrgenommene Bedrohung reagiert.
Deshalb geht es nicht darum, einen Pfad zu bewerten. Interessanter sind andere Fragen wie: Wo befindet sich mein Kind gerade? Woran kann ich das erkennen? Was könnte dazu geführt haben? Und was braucht sein Nervensystem jetzt?
Mit diesem Blick verändert sich manchmal auch unsere Interpretation von Verhalten. Aus: „Mein Kind kann das doch. Warum macht es das jetzt nicht?“ kann die Frage werden: „Kann mein Kind gerade auf das zugreifen, was es eigentlich schon kann?“
Und aus: „Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“ wird vielleicht: „Was erzählt mir dieses Verhalten über den Zustand meines Kindes?“
Nervensysteme begegnen einander
Dabei gibt es noch etwas Wichtiges zu bedenken: Die drei Pfade gelten nicht nur für Kinder. Wir alle haben ein Nervensystem. Auch Mama. Auch Papa. Auch ich.
Ein schreiendes Kind kann in uns Alarm auslösen. Ein Kind, das nach dem fünften Versuch noch immer nicht die Schuhe anzieht, kann uns wütend machen. Ein Tritt kann wehtun. Ein Gefühlsausbruch mitten im Supermarkt kann uns überfordern.
Dann bewegt sich vielleicht nicht nur das Nervensystem unseres Kindes Richtung Rot. Unser eigenes tut es gleich mit. Und plötzlich stehen sich zwei Menschen gegenüber, deren Systeme beide Alarm schlagen.
Das ist menschlich. Und gleichzeitig liegt darin ein wichtiger Schlüssel für Begleitung. Denn wenn ein Kind selbst gerade wenig Sicherheit findet, braucht es häufig einen anderen Menschen, der ihm dabei hilft. Nicht einen vollkommen entspannten Erwachsenen, der lächelnd danebensteht, während um ihn herum das Wohnzimmer zerlegt wird.
Und auch keinen Menschen, der keine eigenen Gefühle haben darf. Sondern jemanden, dessen Nervensystem noch ausreichend Sicherheit vermitteln kann. Der präsent bleiben kann. Der vielleicht weniger spricht. Der eine Grenze halten kann, ohne zusätzlich Angst zu machen.
Der mit Stimme, Gesicht, Körper und Haltung vermitteln kann: Ich bin da.
Das nennen wir Co-Regulation. Und weil darin viel mehr steckt als die Frage, wie wir ein Kind möglichst schnell wieder beruhigen können, verdient Co-Regulation einen eigenen Gedanken.
Weiterlesen: Co-Regulation (In Kürze verfügbar)

Fachlicher Hintergrund
Das Bild von Grün, Rot und Blau ist eine vereinfachende Darstellung, die dabei helfen kann, unterschiedliche Regulations- und Stresszustände wahrzunehmen und kindliches Verhalten in diesem Zusammenhang zu betrachten.
Es ist keine medizinische Einteilung des autonomen Nervensystems und kein Bewertungssystem für kindliches Verhalten.
Die Farbcodierung geht auf das Neurorelational Framework (NRF) von Connie Lillas zurück. Das NRF nutzt Grün, Rot und Blau, um unterschiedliche Regulations- und Stresszustände anschaulich zu beschreiben.
Mona Delahooke greift diese Farbcodierung in ihrer Arbeit auf und verbindet sie mit einem entwicklungs- und beziehungsorientierten Blick auf kindliches Verhalten. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur das sichtbare Verhalten, sondern auch die Frage, welche körperlichen, sensorischen und emotionalen Prozesse darunter liegen könnten.
Ein weiterer theoretischer Bezug ist die von Stephen W. Porges entwickelte Polyvagal-Theorie. Sie beschäftigt sich mit dem autonomen Nervensystem und insbesondere mit der Bedeutung von Sicherheit, sozialer Verbundenheit sowie unterschiedlichen Reaktionen auf wahrgenommene Bedrohung. Die hier verwendeten Farben Grün, Rot und Blau sind dabei nicht Teil der ursprünglichen Polyvagal-Theorie, sondern eine spätere didaktische Darstellung. Die Polyvagal-Theorie ist ein theoretisches Modell. Einzelne ihrer neuroanatomischen und evolutionären Annahmen werden wissenschaftlich diskutiert. Für Naturspiel dient sie deshalb nicht als starre Erklärung für das Verhalten eines Kindes, sondern als eine mögliche Perspektive, die dabei helfen kann, hinter sichtbares Verhalten zu schauen und neugierig auf den Zustand eines Kindes zu bleiben.
Literatur und weiterführende Grundlagen
Mona Delahooke:
Mehr als Verhalten. Neurowissenschaft und Mitgefühl helfen, Verhaltensprobleme von Kindern zu verstehen und zu lösen.
G. P. Probst Verlag, 2. Auflage 2024.
Stephen W. Porges:
Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Traumabehandlung, soziales Engagement und Bindung – Gespräche und Reflexionen.
G. P. Probst Verlag, aktuelle 6. Auflage 2026.
Connie Lillas & Janiece Turnbull:
Infant/Child Mental Health, Early Intervention, and Relationship-Based Therapies: A Neurorelational Framework for Interdisciplinary Practice.
W. W. Norton, 2009.
Naturspiel
Naturspiel begleitet Kinder und ihre Familien dabei, eine gemeinsame Welt zu entdecken – damit Beziehung wachsen und Entwicklung entstehen kann.
Kontakt
+43 680 23 787 04
kontakt@naturspiel.at
Hauptstraße 30, Top 2 2721 Bad Fischau-Brunn
Navigation
Herzbuch
Eine Sammlung von Gedanken und Begriffen, die den Blick auf Kinder verändern können.
