Co-Regulation

Wenn ein Kind uns braucht, um wieder Sicherheit zu empfinden

Ein sechs Monate altes Baby schreit. Vielleicht ist es müde. Vielleicht hungrig. Vielleicht war der Tag zu viel. Vielleicht drückt irgendwo etwas. Vielleicht braucht es Bewegung, Nähe oder Ruhe.

Manchmal wissen wir es nicht. Also nehmen wir das Baby auf den Arm. Wir wiegen es. Gehen mit ihm durch den Raum. Singen. Summen. Machen das Licht dunkler. Probieren aus und beobachten, was passiert.

Und wahrscheinlich denken die wenigsten von uns: „Das macht es doch mit Absicht.“ Das Baby hat es gerade schwer. Es braucht uns.

Sechs Jahre später kann dieselbe Situation ganz anders aussehen. Das Kind schreit vielleicht noch immer. Aber jetzt wirft es womöglich etwas durch den Raum, rennt davon, schlägt um sich oder brüllt genau in dem Moment „NEIN!“, in dem wir selbst längst keine Kraft mehr haben. Und plötzlich kann ein Gedanke auftauchen: „Warum macht es das jetzt schon wieder?“

Dabei könnte sich an der grundlegenden Situation für das Kind gar nicht so viel verändert haben. Sein Nervensystem kommt gerade mit etwas nicht zurecht. Vielleicht ist es überfordert, erschöpft, erschrocken oder frustriert. Vielleicht kann es in diesem Moment auf vieles, was ihm sonst zur Verfügung steht, nicht zugreifen.

Natürlich ist ein sechsjähriges Kind kein sechs Monate altes Baby. Und selbstverständlich können Kinder absichtsvoll handeln. Doch wenn ein Kind dysreguliert ist, kann uns ein anderer Blick helfen: Da ist ein Kind, das es gerade schwer hat. Und das vielleicht auch jetzt einen anderen Menschen braucht.

 

Das Kind HAT es schwer und MACHT es mir nicht schwer.

Die Floortime-Trainerin Gretchen Kamke hat einmal in einem Vortrag erzählt, dass sie sich im Kontakt mit einem dysregulierten Kind innerlich immer wieder einen Satz vorsagt: „Das Kind HAT es gerade schwer und MACHT es mir nicht schwer.“

Ich mag diesen Satz sehr. Nicht, weil er die Situation plötzlich einfach macht. Sondern weil er etwas in mir verändern kann. Er hilft mir vielleicht, selbst auf dem grünen Pfad zu bleiben. Nicht gegen das Verhalten anzukämpfen, sondern wieder das Kind dahinter zu sehen.

Aus: „Warum macht es mir das jetzt auch noch zu Fleiß?“ kann eine andere Frage werden: „Was passiert gerade mit diesem Kind – und wie kann ich ihm dabei zur Seite stehen?“

Und manchmal beginnt Co-Regulation genau dort.

 

Co-Regulation beginnt mit Präsenz

Wenn ein Kind dysreguliert ist, möchten wir oft möglichst schnell etwas tun. Wir erklären. Wir bieten etwas an. Wir versuchen abzulenken. Wir suchen nach der richtigen Strategie, die das Kind möglichst schnell wieder beruhigt.

Doch vielleicht braucht es zunächst gar nicht mehr von unserem Tun. Vielleicht braucht es vor allem jemanden, der da ist.

Die Floortime-Trainerin Jackie Bartell beschreibt einen ähnlichen Gedanken als Being versus Doing: Im Mittelpunkt steht zunächst das gegenwärtige, verbundene Sein mit dem Kind und nicht das Abarbeiten von Aktivitäten oder Erwartungen. 

Für mich bedeutet das: präsent zu sein, statt sofort vieles tun zu wollen. Nicht nur körperlich anwesend, sondern emotional verfügbar. Wahrnehmen. Beobachten. Aushalten, dass ich vielleicht noch nicht weiß, was dieses Kind gerade braucht. Und ihm trotzdem vermitteln: Ich bin da.

Dabei bedeutet Präsenz nicht automatisch Nähe. Manches Kind sucht meinen Körper, meine Hände oder eine Umarmung. Ein anderes möchte vielleicht gerade überhaupt nicht, dass ich näherkomme.

Auch vier Meter entfernt kann ich präsent sein. Ich kann das Bedürfnis eines Kindes nach Distanz respektieren und ihm gleichzeitig vermitteln: Ich sehe dich. Ich bin für dich da.

Vielleicht beginnt Co-Regulation deshalb nicht mit der Frage: „Was kann ich jetzt tun?“ Sondern zunächst mit: „Wie kann ich bei diesem Kind sein?“

 

Mein Nervensystem ist auch dabei

Das klingt leichter, als es manchmal ist. Denn wenn ein Kind schreit, weint, schlägt oder zum zehnten Mal etwas tut, von dem ich möchte, dass es endlich aufhört, passiert auch etwas mit mir.

Vielleicht werde ich schneller. Meine Stimme wird lauter. Mein Körper spannt sich an. Ich erkläre noch einmal, fordere mehr, werde ungeduldig. Vielleicht lande ich selbst auf dem roten Pfad.

Co-Regulation bedeutet nicht, dass Erwachsene immer vollkommen ruhig sein müssen. Das wäre ziemlich unrealistisch.

Und trotzdem ist mein eigener Zustand Teil der Begegnung. Manchmal hilft deshalb eine kleine Frage: Wo bin eigentlich ich gerade? Vielleicht ist genau das der Moment für Gretchen Kamkes Satz. Das Kind hat es gerade schwer. Es macht es mir nicht schwer.

Nicht nur als Erinnerung an die Bedürfnisse des Kindes. Sondern auch als Hilfe für mein eigenes Nervensystem.

 

Weniger kann mehr sein

Wenn ein Kind gerade um Regulation ringt, braucht es nicht unbedingt mehr Input. Manchmal hilft es, Sprache zu reduzieren.

Natürlich kann ich benennen, was ich wahrnehme: „Du bist richtig wütend.“ „Das hat dich erschreckt.“ „Du wolltest das unbedingt haben.“

Doch die ausführliche Erklärung darüber, warum etwas nicht geht, was vorher passiert ist und was wir beim nächsten Mal anders machen könnten, darf warten. Jetzt geht es vielleicht erst einmal darum, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Auch Reize können wir reduzieren: Licht, Geräusche, Menschen, Anforderungen. Und manchmal hilft etwas ganz anderes. Vielleicht singe oder summe ich. Vielleicht entsteht Rhythmus oder Bewegung. Vielleicht braucht das Kind Rückzug. Vielleicht kann ich seinen Affekt aufgreifen.

Ein Kind ist frustriert und ich stampfe ebenfalls einmal mit dem Fuß auf: „JA! Das IST aber auch ärgerlich!“ Oder ein Kind möchte den Drehfisch vom Kasten haben und kommt nicht hin. Ich strecke mich ebenfalls ganz theatralisch danach:„Ooooooh! Ich komm auch nicht hin!“

Ich versuche nicht, das Gefühl wegzumachen und mache mich auch nicht über das Kind lustig. Ich signalisiere: Ich habe mitbekommen, was gerade mit dir passiert.

Natürlich passt nicht jede Antwort zu jeder Situation. Wenn ein Kind gerade sich selbst oder einen anderen Menschen verletzt, hat Sicherheit Vorrang.

Co-Regulation ist kein Standardrezept.

 

Dysregulation ist nicht immer laut

Auch das dürfen wir nicht vergessen. Ein Kind, das schreit, rennt und Dinge wirft, kann dysreguliert sein. Ein Kind, das ganz still wird, sich zurückzieht, kaum reagiert oder wie „weg“ erscheint, ebenso.

Im Bild der drei Pfade unseres Nervensystems kann Dysregulation sowohl rot als auch blau aussehen. Deshalb bedeutet Co-Regulation auch nicht einfach: ein Kind beruhigen. Manchmal braucht ein Nervensystem weniger Aktivierung. Manchmal braucht es behutsam wieder mehr davon. 

Was einem Kind dabei hilft, hängt eng mit seinem individuellen Profil zusammen. Und manchmal braucht es einiges an Beobachtung und Ausprobieren, bis wir überhaupt herausfinden, was das sein könnte.

 

Was hat geholfen, als dein Kind sechs Monate alt war?

Eine Frage finde ich dabei besonders hilfreich: „Was hat dein Kind eigentlich beruhigt, als es sechs Monate alt war?“

Oft müssen Eltern darüber gar nicht lange nachdenken. „Wir mussten immer mit ihm herumgehen.“ „Singen.“ „Schaukeln.“ „Es wollte ganz eng gehalten werden.“ „Bloß nicht festhalten.“ „Es musste dunkel sein.“

Und erstaunlich oft begegnen uns Jahre später ähnliche Bedürfnisse wieder. Sie sind mit einem achtjährigen Kind nur manchmal etwas schwieriger umzusetzen.

Und vielleicht steckt darin auch etwas Entlastendes: Co-Regulation ist wahrscheinlich gar nichts Neues für euch. Ihr macht das womöglich schon miteinander, seit dein Kind auf der Welt ist. Du hast Signale wahrgenommen. Etwas ausprobiert. Die Reaktion deines Kindes beobachtet. Weitergemacht, wenn es geholfen hat. Etwas verändert, wenn es nicht geholfen hat. Und immer wieder versucht herauszufinden: Was braucht mein Kind gerade?

 

Co-Regulation und Selbstregulation

Co-Regulation ist ein wichtiger Weg zur Selbstregulation. Durch viele Erfahrungen kann ein Kind zunehmend kennenlernen: Was hilft meinem Körper? Was brauche ich, wenn mir etwas zu viel wird? Wie kann ich wieder in einen Zustand finden, in dem ich mich sicherer und wohler fühle?

Vielleicht sucht ein Kind irgendwann selbst Bewegung. Zieht sich zurück. Singt. Schaukelt. Verkriecht sich unter einer Decke. Oder dreht sich eine halbe Stunde auf einem Drehteller.

Das können wertvolle Möglichkeiten der Selbstregulation sein. Und trotzdem wird Co-Regulation dadurch nicht überflüssig. Menschen regulieren sich ein Leben lang selbst und miteinander.

Auch ein Kind, das spricht, symbolisch spielt, logisch denkt und viele eigene Regulationsmöglichkeiten entwickelt hat, kann einen anderen Menschen brauchen, wenn etwas weh tut, erschreckt, überfordert oder völlig anders kommt als erwartet.

Co-Regulation gehört deshalb nicht nur zu den ersten Entwicklungskapazitäten. Sie begleitet uns ein Leben lang.

 

Wenn Regulation Beziehung bekommt

Nehmen wir noch einmal das Kind auf dem Drehteller. Vielleicht hat es längst entdeckt: Drehen tut mir gut.

Dann möchte ich ihm diese Möglichkeit nicht nehmen. Ich muss es nicht vom Drehteller holen, damit es sich stattdessen „mit mir“ reguliert. Doch vielleicht kann etwas hinzukommen. Ich kann dabei sein. Beobachten. Seine Freude teilen. Vielleicht seinen Rhythmus aufgreifen. Vielleicht braucht es mich zunächst nur am Rand. Das Kind darf erleben: Ich kann etwas tun, das meinem Körper guttut. Und gleichzeitig: Da ist ein anderer Mensch, der mich wahrnimmt, an meinen Emotionen teilhat und mir hilft, mich wieder wohler zu fühlen.

Beides darf nebeneinander bestehen.

 

Ich bin da

Co-Regulation kann viele Gesichter haben. Sie kann laut sein oder leise. Aus Bewegung bestehen oder aus Stillsein. Aus Singen, Summen, Stampfen, Schaukeln oder einem dunkleren Raum. Sie kann ganz nah stattfinden. Oder vier Meter entfernt.

Und manchmal wissen wir nicht sofort, was helfen wird. Co-Regulation bedeutet nicht, dass ich immer eine Lösung haben muss. Vielleicht beginnt sie viel einfacher: Ich bin da. Ich versuche zu verstehen, was du gerade brauchst. Und ich bleibe mit dir in Beziehung, während wir gemeinsam herausfinden, was dir hilft.

Denn auf dem Weg zur Selbstregulation braucht es nicht nur die Erfahrung: Ich kann mir helfen. Sondern auch: Ich muss schwierige Momente nicht immer alleine tragen.

 

Fachlicher Hintergrund

Co-Regulation ist ein zentraler Bestandteil des DIRFloortime®-Ansatzes – und damit auch meiner Ausbildung beim Interdisciplinary Council on Development and Learning (ICDL).

Schon die erste der funktionell-emotionalen Entwicklungskapazitäten richtet den Blick auf Regulation und gemeinsame Aufmerksamkeit. Denn bevor ein Kind sich auf längere wechselseitige Kommunikation, gemeinsames Problemlösen, symbolisches Spiel oder komplexes Denken einlassen kann, braucht es einen ausreichend regulierten Zustand, in dem es aufmerksam, interessiert und für Beziehung verfügbar sein kann.

Co-Regulation bildet deshalb keine einzelne „Technik“ innerhalb von Floortime. Sie ist eine Grundlage, die sich durch die gesamte Begleitung zieht. Dabei spielen sowohl das individuelle sensorische und motorische Profil eines Kindes als auch die Beziehung und der emotionale Austausch mit einem anderen Menschen eine Rolle.

In meiner DIRFloortime-Ausbildung begegnet mir Co-Regulation deshalb immer wieder als Basis für alles Weitere: wahrnehmen, wie es dem Kind gerade geht, den eigenen Zustand mit im Blick behalten und über Affekt, Stimme, Rhythmus, Bewegung, Nähe oder auch Abstand Bedingungen zu schaffen, unter denen Verbindung wieder möglich werden kann.

Co-Regulation und Selbstregulation sind dabei keine Gegensätze. Co-Regulation ist ein wichtiger Weg, auf dem sich Selbstregulation entwickeln kann – und gleichzeitig bleiben wir Menschen ein Leben lang darauf angewiesen, uns nicht nur selbst, sondern auch miteinander zu regulieren. Auch ICDL beschreibt ausdrücklich die entwicklungsbezogene Verbindung zwischen Co- und Selbstregulation.

 

Literatur

Mona Delahooke:
Brain-Body Parenting. Fröhliche und resiliente Kinder erziehen statt Verhalten zu beeinflussen.
G. P. Probst Verlag, 2023.

Stuart Shanker:
Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen. Mit der weltweit bewährten Methode der Selbstregulierung. 
Goldmann, 2019.

Stanley I. Greenspan & Serena Wieder:
Engaging Autism. Using the Floortime Approach to Help Children Relate, Communicate, and Think.
Da Capo Press, 2006.

Sibylle Janert, André Zirnsak, Ilaria Acerbi & Stephanie Hohndorf:
Autismus beziehungsorientiert behandeln. Handbuch zur DIRFloortime-Methode.
Ernst Reinhardt Verlag, 3. Auflage 2026.

 

Wenn du diesen Gedanken vertiefen möchtest

Grün, Rot, Blau – drei Pfade des Nervensystems
Wie sich unterschiedliche Regulationszustände zeigen können – und warum Dysregulation nicht immer laut ist.

Individuelle Unterschiede – jedes Kind erlebt die Welt anders
Warum das, was einem Kind bei der Regulation hilft, eng damit zusammenhängt, wie es Reize wahrnimmt und verarbeitet.

Was uns im Leben trägt – Teil 1
Warum Regulation und gemeinsame Aufmerksamkeit am Anfang der Entwicklungskapazitäten stehen und zur Grundlage für alles Weitere werden.

 

Naturspiel

Naturspiel begleitet Kinder und ihre Familien dabei, eine gemeinsame Welt zu entdecken – damit Beziehung wachsen und Entwicklung entstehen kann.

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