Mein Kind spielt nicht mit mir – wie kann gemeinsames Spiel entstehen?
Teil 1: Wo Begegnung beginnt
Du sitzt mit deinem Kind am Boden. Vor ihm stehen Tiere. Eine Kuh, ein Schwein, ein Pferd, noch eine Kuh. Eines nach dem anderen stellt dein Kind sorgfältig in eine Reihe.
Du möchtest mitspielen, also nimmst du das Schwein aus seiner Reihe.
„Oh, das Schwein hat Hunger! Grunz, grunz! Was könnte es denn fressen? Und wo ist eigentlich der Bauer? Der hätte doch schon längst Futter bringen sollen. Ach herrje, wo treibt der sich bloß schon wieder herum?“
Du lässt das Schwein über den Boden laufen. Es sucht hier, es sucht dort – doch nirgends ist etwas zu fressen. Und dann entdeckt es plötzlich etwas. Den Fuß deines Kindes. „Mmmh! Vielleicht kann ich ja dich essen! Schmatz, schmatz!“ Das Schwein knabbert am Fuß deines Kindes und wandert vielleicht sogar noch ein Stück weiter Richtung Oberschenkel.
Und plötzlich wird dein Kind ärgerlich. Es reißt dir das Schwein aus der Hand. Vielleicht schreit es. Vielleicht tritt es nach dir oder wirft eine andere Figur durch den Raum.
Du wolltest doch nur mitspielen. Und irgendwann taucht vielleicht dieser Gedanke auf: Warum will mein Kind eigentlich nicht mit mir spielen?
Was wäre, wenn wir diese Frage für einen Moment zur Seite legen und eine andere stellen: Was, wenn gemeinsames Spiel viel früher – und vielleicht ganz woanders – beginnt, als wir denken?
Vielleicht beginnt Begegnung nicht damit, dass dein Kind unserer Einladung folgt und in die Spielwelt einsteigt, die wir bereits im Kopf haben. Vielleicht beginnt sie mit dem Mut des Erwachsenen, zuerst die Welt des Kindes zu betreten.
Gemeinsam spielen – was meinen wir eigentlich damit?
Wenn Erwachsene an gemeinsames Spiel denken, haben wir oft schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon. Wir bauen gemeinsam eine Burg. Wir fahren mit Autos durch eine Stadt. Wir versorgen Puppen. Oder wir spielen Bauernhof: Das Schwein hat Hunger, die Kuh läuft davon und der Bauer muss sie wieder einfangen.
Was dabei leicht übersehen wird: Für all das braucht ein Kind bereits eine ganze Menge. Nehmen wir unser Schwein. Es ist zunächst eine kleine Figur, die man greifen, tragen, drehen, aufstellen oder in eine Reihe stellen kann.
Im Symbolspiel passiert etwas Erstaunliches: Das Schwein wird in unserer Vorstellung lebendig. Es kann Hunger haben. Es kann traurig sein. Es kann davonlaufen. Ein Holzbaustein kann plötzlich sein Futtertrog werden. Und sogar ein Bauer, der überhaupt nicht als Figur vor uns steht, kann Teil unserer Geschichte sein.
Dafür braucht ein Kind die Fähigkeit, ein inneres Bild von etwas entstehen zu lassen, das gerade nicht unmittelbar vorhanden ist. Es muss einer Sache in seiner Vorstellung eine andere Bedeutung geben können und aus einzelnen Ideen nach und nach eine Geschichte entstehen lassen.
Das ist eine beachtliche Entwicklungsleistung. Symbolisches Spiel steht deshalb nicht am Anfang der Spielentwicklung. Es baut auf vielen früheren Entwicklungsschritten auf.
Wenn dein Kind gerade Tiere aufreiht und du mit einem hungrigen Schwein, einem verschwundenen Bauern und einer ganzen Geschichte in sein Spiel einsteigst, liegen zwischen diesen beiden Spielideen möglicherweise mehrere Entwicklungsschritte.
Vermutlich lehnt dein Kind also gar nicht dich ab. Vielleicht war deine Einladung einfach noch zu groß.
Was wäre, wenn wir kleiner schauen?
Statt uns zu fragen: Wie bekomme ich mein Kind dazu, mit mir Bauernhof zu spielen? könnten wir fragen: Wo können wir uns gerade begegnen?
Dein Kind reiht Tiere auf. Dann könntest du dir ebenfalls einige Tiere nehmen und ein kleines Stück daneben deine eigene Reihe beginnen. Eine Kuh. Ein Pferd. Ein Schwein.
Du spielst zunächst neben deinem Kind. Das nennt man Parallelspiel.
Und vielleicht passiert erst einmal gar nichts. Dann wandert der Blick deines Kindes kurz zu deiner Reihe. Du schaust zu ihm. Es schaut wieder auf seine Tiere. Ein winziger Moment. Doch vielleicht ist genau dort etwas entstanden, das wir leicht übersehen hätten: gemeinsame Aufmerksamkeit.
Wenn aus einem Moment ein Miteinander wird
Bei Naturspiel schauen wir auf solche kleinen Momente besonders genau. Denn Kommunikation beginnt nicht erst mit Worten.
Vielleicht nimmst du eine Kuh aus deiner Reihe und stellst sie vorsichtig ans Ende der Reihe deines Kindes. Dein Kind schaut auf die Kuh. Dann schaut es dich fragend an. Du lächelst. Es greift nach der Kuh und stellt sie zurück in deine Reihe. Du schaust überrascht: „Oh! Wieder zu mir?“ Das Kind schaut noch einmal zu dir. Da war ein Hin und Her zwischen euch. Ein Kommunikationskreis.
Vielleicht entsteht gleich noch einer. Und dann noch einer. Das ist nicht wenig. Und vor allem ist dieser Kommunikationskreis nicht bloß die Vorstufe zu dem, was wir eigentlich erreichen wollten. Er ist bereits das, was wir erreichen wollten.
Wir müssen heute nicht beim Bauernhof ankommen. Der Weg dorthin besteht aus vielen kleinen Momenten, in denen dein Kind und du euch gegenseitig wahrnehmt, einander etwas mitteilt und aufeinander Bezug nehmt.
Der Weg ist nicht das Hindernis zwischen uns und dem gemeinsamen Spiel. Der Weg ist das gemeinsame Spiel.
Das Interesse deines Kindes zeigt dir, wo du andocken kannst
Wenn wir beobachten, was ein Kind interessiert, denken wir häufig zuerst an Dinge: Es liebt Dinosaurier. Autos. Tiere. Züge. Doch manchmal liegt das Interessante gar nicht im Gegenstand. Ein Kind, das zwanzig Tiere hintereinanderstellt, muss sich nicht besonders für Tiere interessieren.
Vielleicht interessiert es sich gerade für das Aufreihen. Genau hinzuschauen hilft uns deshalb nicht nur dabei, etwas über das Kind herauszufinden. Die Beobachtung gibt uns eine Ausrichtung für unseren Kontakt. Das Interesse zeigt uns, wo wir andocken können.
Du reihst auf? Dann reihe ich zunächst auch auf. Nicht, weil Aufreihen das Ziel unserer gemeinsamen Zeit ist. Sondern weil ich dort beginnen möchte, wo du gerade bist.
Ich erwarte nicht, dass du zuerst den Weg in meine Spielwelt findest. Ich mache mich auf den Weg in deine. Und von dort aus können wir versuchen, eine gemeinsame Welt entstehen zu lassen.
Parallelspiel heißt nicht, passiv zu sein
Dem Tun eines Kindes zu folgen bedeutet nicht, passiv zu werden. Ganz im Gegenteil. Wenn ich neben einem Kind spiele, bin ich aufmerksam und präsent. Ich beobachte. Ich probiere aus. Ich suche nach kleinen Möglichkeiten, wie sich unsere beiden Wege kreuzen können.
Vielleicht wandert wieder eine meiner Figuren in seine Reihe. Vielleicht kippt meine Kuh „aus Versehen“ gegen sein Pferd. „Muuuh – plumps!“ Das Kind hält inne. Vielleicht schaut es mich an und muss lachen. Vielleicht überhaupt nicht. Vielleicht richtet es das Pferd wortlos wieder auf, nimmt meine Kuh und schiebt sie energisch weit weg.
Auch das ist interessant. Denn die entscheidende Frage lautet nicht: Hat mein Kind meine Spielidee angenommen? Sondern: Was macht mein Kind mit meiner Einladung?
Ein Kind streckt vielleicht die Hand aus, schiebt meine Kuh weg und sieht mich dabei sehr deutlich an. Ein anderes ruft: „Nein! Die gehört da nicht hin!“ Beide haben mir gerade etwas mitgeteilt. Und ich kann darauf antworten. Vielleicht nehme ich meine Kuh zurück. Vielleicht schaue ich gespielt erschrocken. Vielleicht probiere ich es später noch einmal. Und schon kann der nächste Kommunikationskreis entstehen.
Eine Grenze, ein Protest oder ein entschiedenes „Nein!“ bedeuten deshalb nicht automatisch, dass gemeinsames Spiel gescheitert ist. Manchmal ist gerade dieses Nein ein sehr deutliches: Ich habe bemerkt, was du getan hast. Und jetzt sage ich dir, was ich davon halte.
Das ist Kommunikation. Und genau dort beginnt ein Stück gemeinsame Welt.
Ein Kommunikationskreis. Noch einer. Und noch einer.
Wenn wir zu schnell ein fertiges Ziel vor Augen haben, übersehen wir leicht, was auf dem Weg dorthin längst geschieht.
Vielleicht denkst du: Wir sollten gemeinsam Bauernhof spielen.
Und dein Kind ist gerade erst dabei herauszufinden:
Da ist noch jemand.
Ich sehe, was du tust.
Du siehst, was ich tue.
Ich kann dir etwas mitteilen.
Und du antwortest mir.
Das sind keine kleinen Nebenschritte, die wir möglichst rasch hinter uns bringen müssen. Sie sind die Grundlage dafür, dass später immer komplexeres gemeinsames Spiel entstehen kann.
Deshalb schauen wir bei Naturspiel gerne kleiner. Nicht auf das Endprodukt. Sondern auf den nächsten möglichen Kreis. Und wenn er sich schließt? Dann schauen wir nach dem nächsten.
Dieser Blick auf Entwicklung und das gemeinsame Miteinander ist ein zentraler Gedanke von DIRFloortime®. Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, findest du dort eine kurze Einführung.
Und wenn mein Kind längst Rollenspiele spielt?
Dann sieht unser Andocken vielleicht ganz anders aus.
Ein Kind spielt zum Beispiel Minecraft. Es übernimmt Rollen, spielt Geschichten nach und hat genaue Vorstellungen davon, was in dieser Welt möglich ist und was nicht.
Wenn ich Biene Maja spielen möchte, während das Kind gedanklich Creeper bekämpft, werden unsere Welten sich vermutlich nicht treffen.
Wenn ich mit diesem Kind gemeinsam spielen möchte, muss ich Minecraft deshalb nicht lieben. Ich muss mich nicht einmal damit auskennen. Ich muss nur bereit sein, mich für die Welt zu interessieren, in der sich das Kind gerade befindet.
Ich habe tatsächlich schon mit einem Kind zwei ganze Einheiten in einer Minecraft-Welt verbracht – ohne selbst Ahnung von Minecraft zu haben. Und vermutlich war gerade das ein Vorteil. Ich musste mich nicht künstlich dumm stellen. Ich wusste wirklich nicht, was ein Creeper darf, wo wir hinmüssen oder warum meine großartige Idee gerade überhaupt keinen Sinn ergibt.
Also musste ich fragen. Das Kind konnte mir erklären, mich korrigieren, mir zeigen. Und wir mussten miteinander aushandeln, wie unsere Geschichte weitergeht. Später konnte ich kleine eigene Ideen hineinbringen. Vielleicht eine Veränderung, die in Minecraft so gar nicht vorgesehen war.
Und plötzlich ging es um viel mehr als Minecraft. Es ging darum, neue Ideen einzubauen. Die Grenzen von Minecraft mit eigenen fantasievollen Geschichten zu erweitern. Gemeinsam zu diskutieren und Lösungen zu finden. Die Sicht eines anderen Menschen aufzunehmen und sich selbst dabei nicht zu verlieren.
Das Interesse des Kindes war wieder unser Ausgangspunkt. Nicht unser Endpunkt. Es hat mir gezeigt, wo ich in Kontakt kommen kann.
Vielleicht spielen wir längst miteinander
Kehren wir noch einmal zu unseren Tieren zurück.
Sie stehen am Ende vielleicht immer noch in einer Reihe. Das Schwein wurde nicht gefüttert. Die Kuh ist nicht davongelaufen. Und der Bauer? Der ist bis heute nicht aufgetaucht.
Von außen betrachtet könnte man sagen: Ihr habt nicht gemeinsam Bauernhof gespielt.
Doch vielleicht gab es einen Blick. Eine Kuh, die energisch zurückgeschoben wurde. Ein fragendes Gesicht. Ein entschiedenes „Nein!“. Ein gemeinsames Lachen über ein umgefallenes Pferd. Eine Idee von dir – und eine Antwort deines Kindes. Und noch eine. Und noch eine.
Vielleicht müssen wir gemeinsames Spiel deshalb gar nicht daran messen, ob am Ende die Geschichte entstanden ist, die wir Erwachsenen im Kopf hatten. Vielleicht beginnt gemeinsames Spiel viel früher. Und vielleicht beginnt es manchmal auch woanders, als wir erwartet haben. Nämlich in dem Moment, in dem aus deiner Welt und der Welt deines Kindes für einen Augenblick eine gemeinsame wird.

Wenn du dir mehr gemeinsame Momente wünschst
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du möchtest deinem Kind näherkommen, weißt aber nicht recht, wo du beginnen sollst. Oder du fragst dich, warum eure Versuche, miteinander zu spielen, immer wieder in Frust enden.
Bei Naturspiel schauen wir gemeinsam darauf, wo dein Kind gerade steht, was es uns mit seinem Tun zeigt und wo ein nächster kleiner Moment von Begegnung entstehen kann. Nicht mit einem fertigen Spielziel im Kopf, sondern ausgehend von deinem Kind und dem, was zwischen euch bereits möglich ist.

Und wo nehmen Ideen eigentlich ihren Anfang?
Vielleicht beobachtest du bei deinem Kind aber noch etwas anderes: Es reiht die Tiere nicht nur gerne auf – es scheint überhaupt nur wenige Ideen zu haben, was es mit ihnen oder mit anderen Dingen tun könnte.
Dann stellt sich eine andere Frage. Woher kommen eigentlich unsere Ideen für unser Tun?
Wie lernen wir, was wir mit unseren Händen alles machen können? Wie entsteht aus Greifen, Bewegen, Schieben, Ziehen, Ordnen und Ausprobieren irgendwann die Fähigkeit, eine Handlung zu planen – und später immer neue eigene Ideen zu entwickeln?
Dafür müssen wir noch einmal ein gutes Stück zurückgehen. Zu den frühen Erfahrungen eines Kindes mit seinem Körper, seinen Händen und der Welt, die es durch eigenes Tun entdeckt.
Genau dort schauen wir in Teil 2 weiter: Wo Ideen ihren Anfang nehmen
Naturspiel
Naturspiel begleitet Kinder und ihre Familien dabei, eine gemeinsame Welt zu entdecken – damit Beziehung wachsen und Entwicklung entstehen kann.
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