Was uns im Leben trägt
Wie sich soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten entwickeln - Teil 3: Vom konkreten Tun zu symbolischem und logischem Denken
Ein Baustein liegt auf dem Boden. Ein Kind nimmt ihn in die Hand. Es dreht ihn, stapelt ihn auf einen anderen, lässt ihn fallen, schiebt ihn über den Boden.
Und irgendwann fährt derselbe Baustein plötzlich durch den Raum. „Brummmm.“ Er ist ein Auto.
Am Baustein selbst hat sich nichts verändert. Und doch ist etwas Neues entstanden: im Inneren des Kindes.
Mit den ersten vier Entwicklungskapazitäten ist bereits unglaublich viel gewachsen. Das Kind nimmt sich selbst zunehmend als eigenständige Person wahr und bleibt gleichzeitig mit einem anderen Menschen in Verbindung. Es kommuniziert über immer längere und komplexere Kreise. Eigene Wünsche, Bedürfnisse, Absichten und Ideen werden deutlicher. Und es kann gemeinsam mit einem anderen Menschen an etwas dranbleiben – auch dann, wenn es schwierig wird.
Nun wird diese gemeinsame Welt noch einmal größer. Wir teilen nicht mehr nur miteinander, was unmittelbar vor uns geschieht. Wir können beginnen, miteinander zu teilen, was in unserer Vorstellung entsteht.
Du hast Teil 1 & 2 noch nicht gelesen?
Dort schauen wir uns in Teil 1 an, wie sich Selbstregulation, Beziehung und wechselseitige Kommunikation entwickeln. Und in Teil 2 sehen wir, wie daraus ein gemeinsames Dranbleiben entstehen kann.
Was uns im Leben trägt - Teil 1
Was uns im Leben trägt - Teil 2
Kapazität 5 - Innere Bilder und symbolisches Denken
In Kapazität 5 entwickelt ein Kind zunehmend innere Bilder von Objekten, Handlungen und Gefühlen.
Das klingt zunächst ziemlich abstrakt. Im Spiel wird es gut sichtbar. Ein Baustein kann zum Auto werden. Ein Stock zum Zauberstab. Ein Karton zum Haus.
Doch nicht nur Gegenstände können für etwas anderes stehen. Auch Dinge, die gar keine Menschen sind, können in der Vorstellung plötzlich menschliche Eigenschaften, Gefühle oder Absichten bekommen.
Der Teddy ist traurig. Die Kiste hat Hunger und möchte mit Bausteinen gefüttert werden. Der Ball erschrickt, als er vom Tisch fällt.
Damit der Teddy in der Vorstellung traurig sein kann, braucht das Kind ein inneres Bild von Traurigkeit. Damit eine Kiste Hunger haben kann, muss das Kind eine Vorstellung von einem Bedürfnis oder einer Handlung auf etwas übertragen können, das in Wirklichkeit natürlich weder hungrig ist noch gefüttert werden möchte.
Und irgendwann braucht es vielleicht nicht einmal mehr einen Gegenstand, der für etwas anderes steht. Das Kind hält die leere Hand ans Ohr und telefoniert. Es rührt mit einem Kochlöffel in der Suppe, den nur wir beide sehen können. Es kostet von einem unsichtbaren Löffel und verzieht das Gesicht, weil das Essen viel zu sauer ist. Wir können so tun, als ob.
Etwas kann vollständig in unserer Vorstellung entstehen – und trotzdem Teil unserer gemeinsamen Welt werden. Du kannst nicht sehen, was in meinem Kopf ist. Und trotzdem kann ich dich daran teilhaben lassen.
Nicht alles, was wie Symbolspiel aussieht, ist tatsächlich Symbolspiel. Ein Kind rührt Bohnen in einem Topf um. Es sieht aus, als würde es Suppe kochen. Vielleicht tut es genau das. Vielleicht hat es aber auch schon oft gesehen, wie jemand einen Topf nimmt, etwas hineingibt und umrührt – und wiederholt nun eine vertraute Handlungsfolge.
Nachahmung ist ein wichtiger Teil von Entwicklung. Sie ist jedoch nicht dasselbe wie eine eigene innere Vorstellung. Uns interessiert deshalb weniger, ob ein Spiel von außen nach Symbolspiel aussieht. Spannender ist die Frage, ob darin symbolisches Denken sichtbar wird.
Was geschieht beispielsweise, wenn in unserer Suppe plötzlich eine neue Zutat wie Erbsen landen darf? Kann der Teddy davon kosten? Schmeckt sie ihm – oder verzieht er das Gesicht? Ist die Suppe vielleicht so heiß, dass ich mich beim Kosten daran verbrenne? Braucht sie noch eine völlig verrückte Zutat?
Vielleicht greift das Kind eine unserer Ideen auf und entwickelt sie weiter. Vielleicht entsteht daraus etwas, auf das wir selbst nie gekommen wären. Und vielleicht geht es auf all das überhaupt nicht ein und rührt einfach weiter in seinem Topf.
Auch das ist interessant. Vielleicht gibt uns diese Reaktion einen Hinweis darauf, dass hinter dem Umrühren noch keine innere Vorstellung vom Kochen einer Mahlzeit steht und das Kind vielmehr eine vertraute Handlung wiederholt.
Das ist weder besser noch schlechter. Es ist eine Information. Wir müssen daraus keine Prüfung machen und das Kind nicht dazu bringen, „richtig“ symbolisch zu spielen. Wir können wahrnehmen, was gerade da ist – und von dort aus weitergehen.
Mit dem symbolischen Denken entsteht Sprache. Schon in Kapazität 4 können erste Wörter auftauchen. Ball. Fuchs. Auto. Sie können Teil der immer komplexer werdenden Kommunikationskreise werden: Das Kind sieht den Ball, sagt „Ball“, zeigt darauf, schaut zu uns oder fordert ihn ein.
Mit Kapazität 5 geschieht ein weiterer großer Entwicklungsschritt: Sprache entsteht. Denn Sprache ist selbst ein Symbolsystem.
Das Wort Fuchs ist kein Fuchs. Trotzdem kann in meinem Kopf ein Bild entstehen, wenn ich das Wort höre. Und ich kann mit dir über einen Fuchs sprechen, obwohl weit und breit keiner zu sehen ist.
Mit seinen inneren Bildern von Objekten, Handlungen und Gefühlen kann das Kind zunehmend auch sprachlich ausdrücken, was in seiner Vorstellung entsteht.
Der Teddy ist traurig. Das Auto fährt zur Oma. Der Fuchs hat Hunger.
Sprache eröffnet damit eine neue Möglichkeit, unsere innere Welt mit einem anderen Menschen zu teilen. Zunächst ist sie noch stark im Hier und Jetzt verankert: Wir sprechen über das, was gerade in unserer gemeinsamen Spielwelt geschieht.
Und während diese inneren Bilder immer vielfältiger werden, beginnt noch etwas anderes zu wachsen: Unsere einzelnen Ideen können miteinander in Verbindung treten.
Kapazität 6 - Ideen verbinden und logisch denken
Vielleicht kochen wir gerade Suppe. Wenig später möchte das Kind Wolf spielen. Danach suchen wir in der Bohnenwanne nach Schätzen. Das können drei wunderbare symbolische Ideen sein – und zunächst trotzdem wie einzelne Inseln nebeneinanderliegen.
Mit Kapazität 6 entstehen zunehmend Brücken zwischen diesen Inseln. Vielleicht nehmen wir die Suppe mit in die Wolfshöhle, weil die Wolfsbabys Hunger haben. Die Suppe reicht nicht für alle. Also brauchen wir noch etwas zu essen und suchen wenig später in der Bohnenwanne gar keine Schätze mehr, sondern Futter für unsere Wölfe.
Eine Idee führt zur nächsten. Das Spiel bekommt einen roten Faden. Aus einzelnen Vorstellungen entsteht ein zusammenhängendes Ganzes – und damit entwickelt sich eine weitere bedeutsame Fähigkeit: logisches Denken.
Vielleicht gibt es ein kleines Wort, an dem Eltern diese Entwicklung besonders gut erkennen. Warum? Warum ist der Himmel blau? Warum fährt der Mann dort hin? Warum regnet es? Warum ist der Teddy traurig? Warum darf ich das nicht?
Und wenn auf jede Antwort sofort das nächste „Warum?“ folgt, kann das durchaus anstrengend werden. Gleichzeitig geschieht dabei etwas Großes.
Das Kind möchte nicht mehr nur wissen, was etwas ist oder was geschieht. Es beginnt danach zu fragen, warum die Dinge so sind, wie sie sind.
Warum ist der Teddy traurig? Weil seine Mama weggegangen ist. Ein Gefühl kann einen Grund haben. Eine Handlung kann eine Folge haben. Das eine kann mit dem anderen zusammenhängen. Das Kind beginnt zunehmend, solche Verbindungen selbst zu entdecken, zu verstehen und auszudrücken.
Mit Kapazität 6 wächst auch das Verständnis von Raum und Zeit. Und damit kann Sprache den unmittelbaren Moment zunehmend verlassen. Etwas muss nicht mehr gerade jetzt passieren, damit wir darüber sprechen können.
Das Kind kann erzählen, was gestern im Kindergarten passiert ist. Es kann sich vorstellen und sprachlich ausdrücken, was morgen passieren wird. Es kann erzählen, wer dabei war, wo etwas geschehen ist und was danach kam.
Aus Sprache im Hier und Jetzt können zunehmend zusammenhängende Erzählungen werden. Nicht nur: „Der Fuchs hat Hunger.“ Sondern vielleicht: „Der Fuchs hat Hunger, weil er gestern nichts zu essen gefunden hat. Deshalb geht er jetzt in den Wald und sucht sich etwas.“
Vergangenes kann mit Gegenwärtigem verbunden werden, ein Grund mit einer Folge, ein Ort mit einem anderen. Das Kind kann zunehmend erzählen, erklären und begründen.
Und noch etwas wird möglich: Nicht nur die eigenen Gedanken können miteinander verbunden werden, sondern auch die eigenen mit denen anderer.
Vielleicht möchte ich im Spiel, dass der Fuchs in seiner Höhle bleibt. Du möchtest, dass er hinausgeht. Ich möchte es so. Du möchtest es anders. Und trotzdem müssen unsere beiden Ideen nicht mehr dazu führen, dass eine von ihnen einfach verschwindet.
Wir können zunehmend beide im Kopf behalten. Wir können widersprechen. Nachfragen. Begründen. Diskutieren. Verhandeln.
Vielleicht überzeugst du mich. Vielleicht überzeuge ich dich. Vielleicht finden wir einen Kompromiss. Oder aus deiner Idee und meiner entsteht eine dritte, auf die keiner von uns vorher gekommen wäre.
Auch Regeln finden hier ganz selbstverständlich ihren Platz. Wir können miteinander vereinbaren, wie ein Spiel funktioniert. Wir können eine Regel im Kopf behalten und verstehen, dass sie auch für andere gilt. Wir können darüber diskutieren, warum es sie gibt. Wir können protestieren, wenn wir sie ungerecht finden. Und manchmal können wir gemeinsam überlegen, ob wir eine Regel verändern wollen.
Das macht das Zusammenleben nicht unbedingt unkomplizierter. Ein Kind, das fragt, widerspricht, begründet und verhandelt, kann Erwachsene ganz schön herausfordern. Und gleichzeitig wird darin etwas sehr Bedeutungsvolles sichtbar:
Da ist ein Mensch mit eigenen Gedanken und Vorstellungen, der zunehmend auch die Gedanken und Vorstellungen eines anderen Menschen in sein Denken einbeziehen kann. Ich kann deine Idee aufnehmen, ohne meine eigene dabei verlieren zu müssen.
Und darunter liegt unser gemeinsames Dranbleiben
Wenn wir nun bei Sprache, Fantasiewelten, Geschichten, logischem Denken, Begründen, Diskutieren und Verhandeln angekommen sind, könnte es wirken, als wären die ersten Entwicklungskapazitäten längst überwunden.
Doch sie sind nicht verschwunden. Sie tragen alles, was darauf aufbaut. Und als unmittelbarer Nährboden für Kapazität 5 und 6 ist besonders das wichtig, was in Kapazität 4 gewachsen ist: gemeinsam an etwas dranbleiben.
Denn auch ein langes Fantasiespiel, eine Erzählung oder eine Diskussion lebt weiterhin von vielen Kommunikationskreisen.
Ich bringe etwas ein. Du antwortest. Ich nehme deine Antwort auf. Du greifst meine Idee auf oder bringst eine andere hinein. Ich widerspreche vielleicht. Du schaust mich an, hebst die Augenbrauen und grinst. Ich merke an deinem Gesicht, dass du das gerade überhaupt nicht ernst meinst, und muss lachen. Wir sprechen längst miteinander – und trotzdem besteht unser Gespräch nicht nur aus Worten.
Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegung, Tonfall und Affekt bleiben Teil unserer Kommunikation. Die verbale Sprache erweitert unsere Möglichkeiten. Sie ersetzt die nonverbale Kommunikation nicht. Beides greift ineinander.
Und noch immer geschieht im Grunde das, was schon viel früher begonnen hat:
Ich sende etwas in deine Richtung. Du antwortest. Ich nehme wahr, was von dir zurückkommt. Und wir bleiben miteinander dran. Nur unsere gemeinsame Welt ist inzwischen sehr viel größer geworden.
Und die Entwicklung geht weiter
Mit Kapazität 6 endet Entwicklung natürlich nicht. Auf diesem Fundament kann noch unglaublich viel wachsen. Unser Denken kann differenzierter und komplexer werden. Wir können zunehmend mehrere Perspektiven berücksichtigen, über unsere eigenen Gedanken nachdenken und immer komplexere soziale und emotionale Zusammenhänge verstehen.
Die Entwicklungskapazitäten 7, 8, 9 und darüber hinaus führen diesen Weg weiter. Doch selbst dann verschwinden die ersten Kapazitäten nicht. Sie bleiben das Fundament, auf dem all das wachsen kann.
Regulation. Beziehung. Wechselseitige Kommunikation – verbal und nonverbal. Ein immer deutlicher werdendes Ich. Gemeinsames Dranbleiben. Innere Bilder und symbolisches Denken. Logisches Denken und die Fähigkeit, Ideen miteinander zu verbinden.
Wichtig dabei ist: Diese Kapazitäten sind dynamisch. Wir erreichen nicht eine nach der anderen und lassen die vorherigen anschließend hinter uns. Im Laufe eines Tages können wir immer wieder zwischen ihnen wechseln.
Vielleicht ist dein Kind nach einem langen Kindergartentag müde und braucht sehr viel Unterstützung dabei, sich zu regulieren, in Verbindung zu bleiben oder überhaupt noch gemeinsam an etwas dranzubleiben. Und ein paar Stunden später ist die Welt wieder eine andere: Es erfindet Geschichten, stellt dir ein Warum nach dem anderen, diskutiert mit dir darüber, warum es noch nicht ins Bett gehen kann – und greift dabei auf all die Kapazitäten zurück, die ihm in diesem Moment zur Verfügung stehen.
Und uns Erwachsenen geht es übrigens nicht anders. Auch wir können an manchen Tagen wunderbar zuhören, unterschiedliche Perspektiven aufnehmen, nachdenken und diskutieren – und an anderen bringt uns schon eine Kleinigkeit aus dem Gleichgewicht.
Vielleicht liegt genau darin das Besondere an den Entwicklungskapazitäten: Sie zeigen uns nicht nur, was ein Kind schon kann. Sie helfen uns zu verstehen, was ihm in diesem Moment zur Verfügung steht – und worauf das Nächste wachsen kann.

Fachlicher Hintergrund
Die sozial-emotionalen Entwicklungskapazitäten sind ein zentraler Bestandteil des DIR®-Modells. DIR steht für Developmental, Individual-differences, Relationship-based: Entwicklung, individuelle Unterschiede und Beziehung.
Im DIR-Modell beschreiben die Entwicklungskapazitäten grundlegende Fähigkeiten, die es einem Menschen ermöglichen, zunehmend in Beziehung zu treten, wechselseitig zu kommunizieren, gemeinsam Probleme zu lösen und schließlich mit Ideen zu spielen und immer komplexer zu denken. Dabei werden sie nicht als starre Entwicklungsstufen verstanden, sondern als dynamische Kapazitäten, die sich gegenseitig tragen und uns je nach Situation unterschiedlich gut zur Verfügung stehen. Das entspricht auch der Beschreibung des ICDL, das die Functional Emotional Developmental Capacities ausdrücklich als fließender und weniger linear versteht als einen klassischen Fertigkeitserwerb.
Mein Verständnis der Entwicklungskapazitäten ist wesentlich durch meine Ausbildung in DIRFloortime® beim International Council on Development and Learning (ICDL) sowie durch meine praktische Arbeit mit Kindern und ihren Familien geprägt.
Literatur und weiterführende Grundlagen
Stanley I. Greenspan & Serena Wieder:
Engaging Autism. Using the Floortime Approach to Help Children Relate, Communicate, and Think.
Da Capo Press, 2006.
Engaging Autism gehört zu den Grundlagenwerken meiner DIRFloortime®-Ausbildung. Eine deutschsprachige Ausgabe ist leider nicht verfügbar.
Sibylle Janert, André Zirnsak, Ilaria Acerbi & Stephanie Hohndorf:
Autismus beziehungsorientiert behandeln. Handbuch zur DIRFloortime-Methode.
Ernst Reinhardt Verlag, 3. Auflage 2026.
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