Eine Stunde mit Lisa

Wie aus kleinen Momenten des Miteinanders langsam ein Hin und Her wird

Lisa ist fünf Jahre alt. Sie spricht einzelne Wörter auf Deutsch und Englisch, ihre Muttersprache ist noch einmal eine andere. Sie singt gerne, geht meistens auf Zehenspitzen und ist in der Regel ein fröhliches Kind.

Wenn Lisa gemeinsam mit ihrer Mama zu Naturspiel kommt, begrüße ich die beiden zunächst. Lisa geht direkt zur Spiegelhöhle, krabbelt hinein und zieht den Vorhang zu. Ich lasse sie.

Während sie in der Höhle ankommt, frage ich ihre Mama, wie es ihnen geht. Wie war die Woche bisher? Wie war die letzte Ergotherapiestunde? Wie geht es Lisa gerade im Kindergarten?

Diese ersten Minuten geben mir Informationen darüber, was Lisa und ihre Familie im Moment beschäftigt. Und sie geben Lisa etwas anderes: Zeit zum Ankommen.

Ich muss nicht sofort versuchen, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich kann erst einmal beobachten und ihr ein paar Minuten Zeit lassen, bevor ich die erste Brücke zu ihr suche.

 

Wo ist die Lisa?

Nach einer Weile gehe ich zur Spiegelhöhle. Ich klopfe an. Warte. Und beginne nach der Melodie von „Bruder Jakob“ zu singen: „Wo ist die Lisa? Wo ist die Lisa?“ Noch einmal. Dann warte ich. Ich öffne den Vorhang. „Da ist sie! Da ist sie!“ Lisa schaut kurz auf. Ich mache den Vorhang wieder zu. Und beginne von vorne. „Wo ist die Lisa? Wo ist die Lisa?“ Vorhang auf. Lisa lacht. Vorhang zu. Noch einmal. Irgendwann warte ich länger – und Lisa macht den Vorhang selbst zu. Einmal öffne ich ihn, einmal sie. Manchmal schließe ich ihn, manchmal Lisa.

Das Spiel kann sich zehnmal wiederholen. Und mit jeder Wiederholung verändert es sich ein kleines bisschen. Ich begleite es mit viel Affekt: mit meiner Stimme, meinem Gesicht, strahlenden Augen und großer Freude darüber, Lisa hinter dem Vorhang zu „entdecken“.

Von außen betrachtet passiert dabei nicht besonders viel. Ein Vorhang geht auf. Ein Vorhang geht zu. Und wieder auf. Doch zwischen Lisa und mir passiert eine ganze Menge. Lisa nimmt mich wahr. Sie hört mein Lied. Sie beginnt zu erwarten, was als Nächstes kommt. Sie schaut, lacht, wartet – und übernimmt irgendwann selbst einen Teil unseres Spiels.

Und darin werden bereits die ersten Entwicklungskapazitäten sichtbar: Lisa kann in diesem Moment ausreichend reguliert und aufmerksam sein, um mich und das, was zwischen uns geschieht, wahrzunehmen. Wir teilen unsere Aufmerksamkeit und unsere Freude aneinander. Beziehung entsteht. Und aus meiner Handlung und ihrer Antwort entwickelt sich zunehmend ein wechselseitiges Hin und Her. Ein Kommunikationskreis. Und noch einer. Und noch einer.

Die Wiederholung ist dabei nicht langweilig. Im Gegenteil: Sie macht mich und unser gemeinsames Spiel vorhersehbar. Und genau diese Vorhersehbarkeit kann Lisa helfen, nicht nur dabei zu sein, sondern zunehmend selbst mitzugestalten.

 

Sumsi kommt

Irgendwann bleibt der Vorhang offen. Auf dem Dach der Spiegelhöhle liegt Sumsi, eine große Stoffbiene. Ich greife nach ihr. „Sssssssssss …“ Lisa schaut. Ich lasse mein Summen langsam spannender werden. „Sssssssssssssssss …“ Und dann fliegt Sumsi von oben in die Höhle zu Lisa. Lisa lacht und greift nach ihr. Sumsi fliegt wieder zurück aufs Dach. „Sssssssssss …“ Lisa wartet. Ihre Fäuste hält sie voller Erwartung vor ihr Gesicht. „Sssssssssssss …“ Da kommt Sumsi!

Lisa lacht und greift nach ihr. „Oh nein! Jetzt hast du Sumsi erwischt!“ Ich versuche, die Biene zurückzubekommen. Manchmal gelingt es mir und Sumsi fliegt wieder aufs Dach. Manchmal hält Lisa sie fest und zwischen uns entsteht ein spielerisches Hin und Her. Ich will Sumsi haben. Lisa will Sumsi haben. Ich will sie haben. Doch Lisa gewinnt.

Sie drückt ihren Kopf tief in die große weiche Biene. Ich mache es ihr nach und drücke meinen Kopf ebenfalls hinein. Lisa hebt ihren Kopf – und riecht an meinen Haaren. Dann drückt sie ihren Kopf wieder in Sumsi. Diesmal hebe ich meinen Kopf und rieche an Lisas Haaren. Sie ist wieder dran. Ich bin wieder dran. Sie. Ich.

Wir brauchen dafür kaum Worte. Wir teilen Freude, Spannung, Erwartung, Bewegung, Mimik und Gestik. Lisa antwortet auf mich und ich antworte auf Lisa. Für einige Augenblicke sind wir ganz selbstverständlich gemeinsam in derselben Welt.

 

Lisa geht - und ich lasse sie gehen

Dann verlässt Lisa die Höhle. Sie setzt sich zu den Fühlwannen mit den Traubenkernen und vergräbt ihre Hände darin.

Ich gehe nicht sofort hinterher. Ich warte ein paar Sekunden und beobachte. Lisa hat gerade selbst etwas Neues gefunden. Ich möchte ihr Zeit geben, dort anzukommen, bevor ich mich wieder in ihr Tun einmische.

Erst dann folge ich ihr. Ich nehme einen Schöpflöffel, fülle ihn mit Traubenkernen und lasse sie über Lisas Hände rieseln. Der Löffel ist leer. Ich warte. Lisa schaut auf den Löffel. Mehr sagt sie nicht. Und trotzdem hat sie mir gerade etwas mitgeteilt. Ich fülle den Löffel erneut und lasse die Traubenkerne wieder über ihre Hände rieseln.

Leer. Warten. Lisa schaut. Ich antworte. Lisa hat kein Wort gesagt. Und trotzdem hat sie gefragt. Das wiederholen wir einige Male. Als Lisa ihre Arme aus den Traubenkernen zieht und sich die Körner abputzt, fange ich einige davon auf und lasse sie mit einem deutlichen „Plumps!“ in einen Becher fallen.

Lisa beginnt ebenfalls, Traubenkerne hineinzufüllen. Ich nehme wieder den Schöpflöffel. „Uuuuuuuund …“ Je näher ich dem Becher komme, desto gespannter wird meine Stimme. „PLUMPS!“ Wieder und wieder. Lisa weiß bald, was passieren wird. Sie wartet darauf. Steigt ein. Antwortet. Wieder entsteht aus einer sehr einfachen Tätigkeit ein gemeinsames Hin und Her.

 

Und dann geht sie wieder

Plötzlich steht Lisa auf. Sie läuft durch den Raum und beginnt zu springen. Ich bleibe zunächst bei der Fühlwanne sitzen. Ich hole sie nicht zurück.

Nach einigen Sprüngen beginne ich, ihre Bewegung aus der Entfernung zu begleiten. „Hopp … hopp … hopp …“ Lisa springt weiter.

Irgendwann nehme ich unseren Becher, fülle ihn und schüttle ihn bewusst laut. Dazu kommen die Geräusche aus unserem Spiel von vorhin. Lisa kommt zurück. Für einen Moment spielen wir wieder miteinander. Diesmal deutlich kürzer.

Dann geht sie wieder springen. Auch das gehört zu unserer Stunde. Verbindung bedeutet nicht, dass Lisa die ganze Zeit bei mir bleiben muss.

Gemeinsames Interesse, Beziehung und wechselseitige Kommunikation sind für ein Kind, das darin noch ganz am Anfang seiner Entwicklung steht, ausgesprochen fordernd. Deshalb gibt es Pausen. Lisa darf gehen.

Und ich kann später nach einer neuen Brücke suchen.

 

Hopp, hopp

Während Lisa durch den Raum läuft und springt, hole ich einige Pölster. Ich lege sie nacheinander auf den Boden. Wenn Lisa an mir vorbeikommt, halte ich ihr manchmal einen hin. Sie nimmt ihn und legt ihn zu den anderen.

Ich springe von einem Polster zum nächsten. „Hopp! Hopp! Hopp!“ Am Ende lege ich einen weiteren dazu oder biete Lisa einen an. Manchmal läuft sie einfach an unserer Polsterreihe vorbei. Manchmal springt sie von einem zum nächsten und ich begleite ihre Sprünge mit meinem „Hopp“.

Ich überlege, wie aus dieser Bewegung wieder etwas entstehen könnte, das wir stärker miteinander teilen. Also mache ich mit meinen Armen eine langsame Schnappbewegung wie ein Krokodil. „Gleich hab ich dich …“ Ich komme ein Stück näher. „Gleich hab ich dich …“ Noch ein Stück. „JETZT hab ich dich!“

Beim ersten Mal weiß Lisa noch nicht recht, was ich vorhabe. Beim zweiten vielleicht auch noch nicht. Doch nach einigen Wiederholungen verändert sich etwas. Wenn ich sage: „Gleich hab ich dich … gleich hab ich dich …“ wartet Lisa schon. Und bei: „JETZT!“ dreht sie sich zu mir um.

Sie weiß, was kommt. Aus etwas Unvorhersehbarem ist ein gemeinsames Spiel geworden. Nach einigen Runden umfasse ich Lisa mit meinen Armen und springe mit ihr gemeinsam von Polster zu Polster. Ich hebe sie bei jedem Sprung ein Stück hoch. Lisa lacht.

Nach drei Pölstern bleibe ich  bewusst stehen und nehme meine Hände weg. Ich muss verschnaufen. Lisa dreht sich zu mir. Sie nimmt meine Hände und legt sie wieder um ihren Oberkörper. Kein Wort. Und trotzdem könnte ihre Botschaft kaum deutlicher sein: Mach weiter! Also machen wir weiter. Drei Pölster. Pause. Lisa holt meine Hände zurück. Weiter. Noch einmal.

 

Kommunikation muss nicht aus Worten bestehen

Nach zwei Polsterlängen brauche diesmal wirklich ich eine Pause. Unser letzter gemeinsamer Sprung landet deshalb in der Bohnenwanne.

Manchmal verlässt Lisa sie sofort wieder. Heute bleibt sie. Sie setzt sich hinein, nimmt Bohnen und lässt sie über ihre Beine rieseln.

Wieder lasse ich ihr zunächst einen Moment Zeit. Dann nehme ich ebenfalls Bohnen in meine Hände und halte sie über ihre Beine. Ich warte. Lisa öffnet meine Hände. Die Bohnen rieseln heraus. Ich warte wieder. Lisa schiebt meine Hände zurück in die Bohnen. Ich nehme neue auf und halte sie über ihre Beine. Sie öffnet meine Hände. Noch einmal.

Später nehme ich Bohnen und halte meine geschlossenen Hände in Richtung ihres Kopfes. „Über den Kopf?“ Dann wandern meine Hände zu ihren Füßen. „Oder über die Füße?“ Lisa lässt mich wissen, wo sie die Bohnen spüren möchte. Ohne Worte. Und ihre Antwort hat eine Wirkung auf das, was als Nächstes passiert.

Vielleicht ist genau das etwas, das wir manchmal übersehen, wenn ein Kind wenig spricht: Kommunikation beginnt nicht erst mit Sprache. Ein Blick auf einen leeren Löffel. Eine Hand, die meine öffnet. Zwei Hände, die meine Arme zurückholen. Ein Körper, der sich bei „JETZT“ schon erwartungsvoll zu mir dreht.

All das kann Kommunikation sein. Wir müssen sie nicht erst herstellen. Wir müssen lernen, sie wahrzunehmen – und darauf zu antworten.

 

Beziehung kann anstrengend sein

Nach einigen Minuten verlässt Lisa die Bohnenwanne. Sie sitzt auf der Rutsche, läuft wieder durch den Raum, springt. 

Gegen Ende unserer Stunde werden die gemeinsamen Sequenzen meist kürzer. Das ist nicht überraschend. In einer gemeinsamen Welt zu bleiben, ein Interesse mit einem anderen Menschen zu teilen und immer wieder in wechselseitige Kommunikation zu gehen, ist für Lisa noch sehr fordernd.

Etwas kann Freude machen und gleichzeitig anstrengend sein. Deshalb gehören Pausen genauso zu unserer Stunde wie die Momente des gemeinsamen Spiels. Sie geben Lisa Gelegenheit, wieder stärker bei sich anzukommen und Tätigkeiten zu suchen, die ihr gerade guttun.

Und sie geben mir Zeit zum Beobachten oder für einen kurzen Austausch mit ihrer Mama. Hüpft Lisa zu Hause auch so viel? Gibt es Situationen, in denen sie besonders viel springt? Wann geht sie auf den Zehenspitzen – und wann nicht? Wie gelingt das gemeinsame Hin und Her zu Hause? Was interessiert Lisa dort?

Auch diese Beobachtungen gehören für mich zur Stunde. Denn ich möchte nicht nur verstehen, was Lisa hier bei Naturspiel zeigt. Ich möchte gemeinsam mit ihrer Familie immer mehr darüber erfahren, wie Lisa ihre Welt erlebt.

 

Auch Aufräumen kann ein gemeinsames Tun sein

Langsam geht unsere Stunde zu Ende. Die Pölster liegen noch im Raum verteilt. Ich könnte Lisa sagen: „Komm, wir räumen jetzt auf. Bring bitte die Pölster dort hin und leg sie auf den Stapel.“

Das tue ich nicht. Lisa hüpft weiter durch den Raum. Als sie bei mir vorbeikommt, halte ich ihr einen Polster so hin, dass sie ihn beinahe nur noch nehmen muss. Sie greift danach. Ich deute auf die Stelle, an der unser Stapel entstehen soll.

Lisa legt den Polster dort hin und hüpft weiter. Bei der nächsten Runde wartet schon der nächste Polster auf sie. Sie nimmt ihn. Ich klopfe auf unseren Stapel. Sie legt ihn darauf. Und weiter. Polster für Polster. Kommunikationskreis für Kommunikationskreis. Bis irgendwann alle Pölster auf einem Stapel liegen. Und wir aufgeräumt haben.

Ich habe Lisa nicht von außen erklärt, was sie wie tun soll. Ich habe versucht, ihr als Mitspielerin eine Brücke ins gemeinsame Tun zu bauen.

 

Viele kleine Momente

Wenn ich diese Stunde im Nachhinein erzähle, ist scheinbar nichts Spektakuläres passiert. Wir haben einen Vorhang geöffnet und geschlossen. Mit einer Biene gespielt. Traubenkerne in einen Becher geschüttet. Sind gesprungen. Haben Bohnen rieseln lassen. Und Pölster aufeinandergelegt.

Doch Entwicklung zeigt sich nicht nur in den großen Dingen. In all diesen kleinen Situationen ist immer wieder etwas zwischen Lisa und mir entstanden.

Ein Blick. Ein Lachen. Eine Erwartung. Eine Antwort. Ein Noch einmal. Ein Mach weiter. Ein Dort möchte ich die Bohnen spüren. Ein gemeinsames Hin und Her. Und immer wieder dasselbe:

Ich beobachte dich. Ich warte. Ich mache mich für dich vorhersehbar. Ich antworte auf das, was du mir zeigst. Ich lade dich ein. Und wenn du gehst, suche ich irgendwann eine neue Brücke zu dir.

So kann aus vielen kleinen Momenten nach und nach etwas wachsen: eine gemeinsame Welt.

Und genau hier liegt das Fundament für alles, was später darauf aufbauen kann. Für immer komplexere Kommunikation, für gemeinsames Spiel und schließlich auch für symbolisches Denken und verbale Sprache. Denn bevor wir miteinander über die Welt sprechen können, müssen wir erst einmal beginnen, sie miteinander zu teilen.

 

Wenn du diesen Gedanken vertiefen möchtest

Was uns im Leben trägt - Teil 1
Wie Regulation, gemeinsame Aufmerksamkeit und erste wechselseitige Kommunikation zum Fundament für weitere Entwicklung werden.

 

Naturspiel

Naturspiel begleitet Kinder und ihre Familien dabei, eine gemeinsame Welt zu entdecken – damit Beziehung wachsen und Entwicklung entstehen kann.

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