Mein Kind spricht noch nicht
Wenn die Wörter auf sich warten lassen ...
Vielleicht wartest du schon eine ganze Weile darauf. Auf das erste „Mama“. Auf ein Wort, das nicht nur zufällig auftaucht, sondern wiederkommt. Auf noch mehr Wörter. Auf den ersten kleinen Satz.
Vielleicht siehst du andere Kinder im gleichen Alter, die längst erzählen, fragen und kommentieren. Vielleicht wurde im Kindergarten angesprochen, dass dein Kind noch wenig spricht. Vielleicht machst du dir schon länger Gedanken.
Warum spricht mein Kind noch nicht? Darauf gibt es keine einfache Antwort.
Es kann sehr unterschiedliche Gründe dafür geben, warum ein Kind nicht, wenig oder später zu sprechen beginnt. Deshalb ist es wichtig, die individuelle Entwicklung eines Kindes medizinisch und therapeutisch abklären zu lassen.
Und gleichzeitig lohnt es sich, neben der Frage nach den Wörtern noch auf etwas anderes zu schauen. Denn vielleicht spricht dein Kind noch nicht.
Doch wie kommuniziert es bereits mit dir?
Sprache beginnt lange vor dem ersten Wort
Wenn wir an Kommunikation denken, denken wir schnell an Sprache. An Wörter. Sätze. Fragen und Antworten.
Dabei kommunizieren auch wir Erwachsenen ständig, ohne etwas zu sagen. Ein Blick kann eine ganze Situation verändern. Ein Gesichtsausdruck verrät, wie eine Botschaft angekommen ist. Wir verändern unsere Stimme, gehen einen Schritt näher oder weiter weg, heben die Augenbrauen, lächeln, drehen uns weg oder strecken jemandem die Hand entgegen.
Gesprochene Wörter sind ein wichtiger Teil unserer Kommunikation, doch sie sind nicht der Anfang davon. Auch ein Kind, das noch nicht spricht, kann längst mitteilen: Das gefällt mir. Hör auf. Noch einmal. Hilf mir. Das ist lustig. Bleib hier.
Vielleicht durch einen Blick. Durch einen Laut. Durch ein Lächeln. Durch eine Hand, die deine nimmt. Durch einen Körper, der sich erwartungsvoll anspannt – oder sich abwendet.
Manche dieser Signale sind deutlich. Andere sind so klein, dass wir sie leicht übersehen. Das sind keine unwichtigen Vorstufen auf dem Weg zur „richtigen“ Kommunikation. Das ist Kommunikation.
Und gesprochene Sprache ist nicht der einzige mögliche Weg, Kommunikation zu erweitern. Für manche Kinder können Gebärden, Bildkarten oder elektronische Kommunikationshilfen wie ein Talker wichtige Möglichkeiten sein, sich auszudrücken, Entscheidungen zu treffen und verstanden zu werden.
Nicht als Kommunikation zweiter Klasse. Sondern als Kommunikation.
Ein ganzes Gespräch - ohne ein einziges Wort
Ein Bub, den ich begleite, liebt Rückwärtspurzelbäume. Alleine schafft er sie noch nicht. Also braucht er mich dafür.
Wenn er einen machen möchte, legt er sich auf den Rücken und streckt mir seine Beine entgegen. Ich strecke meine Hand aus. Er gibt mir seinen Fuß. Ich strecke die zweite Hand aus. Der zweite Fuß kommt dazu. Ich übe ein wenig Druck gegen seine Füße aus, er drückt zurück. Ich bewege seine Beine langsam in Richtung seines Kopfes.
Und zwischen all dem passiert ganz viel. Wir schauen einander an. Wir lachen. Ich halte inne. Er zeigt mir: Mach weiter. Ich setze die Bewegung fort. Irgendwann greife ich ihn am Hosenbund und helfe ihm über den Kopf.
Geschafft. Er lacht. Ich gehe ein paar Schritte zurück. Er kommt mir nach.
Bei einem Hausbesuch wollte ich irgendwann tatsächlich gehen. Mantel an. Haube auf. Der Bub kam zu mir, zog mir den Mantel wieder aus, nahm mir die Haube vom Kopf, nahm mich an der Hand – und legte sich wieder auf den Rücken. Ich denke, seine Botschaft war ziemlich eindeutig.
Er zeigt mir, was er möchte. Ich greife seine Idee auf. Er antwortet auf mein Tun – und ich wiederum auf seines. Kind – Erwachsener – Kind – Erwachsener.
Ein Kommunikationskreis. Noch einer. Und noch einer.
Würden wir in diesen Momenten nur darauf schauen, welche Wörter dieses Kind verwendet, wäre die Antwort: keines.
Schauen wir auf Kommunikation, sehen wir ein ganzes Gespräch.
Kleiner schauen
Nicht jede Antwort eines Kindes ist so eindeutig wie eine Hand, die uns zurück zum gemeinsamen Spiel führt. Manchmal müssen wir viel genauer hinsehen.
Vielleicht verändert sich nur der Blick. Ein Mundwinkel bewegt sich. Ein Kind hält für einen kurzen Moment inne. Es macht einen Laut. Sein Körper wird plötzlich ganz gespannt. Oder ein Finger zeigt für einen Augenblick in eine bestimmte Richtung.
Vor Kurzem saß ein Mädchen bei mir in einer Wanne voller Bohnen. Wir waren schon eine Weile miteinander im Hin und Her. Ich nahm einige Bohnen in meine Hände. „Beim Fuß?“, fragte ich und bewegte meine Hände zu ihren Füßen. „Oder beim Kopf?“ Meine Hände wanderten nach oben. Sie zeigte auf ihre Füße. „Auf die Füße!“, sagte ich und ließ die Bohnen darüberrieseln.
Sie hatte mir geantwortet – ganz ohne ein Wort. Und indem ich die Bohnen über ihre Füße rieseln ließ, konnte sie erleben: Meine Antwort ist angekommen. Ich wurde verstanden.
Natürlich hätte ich diesen Moment auch nutzen können, um das Wort „Fuß“ einzufordern. „Fuß. Sag Fuß.“ Doch damit hätte ich etwas Entscheidendes verändert.
Das Mädchen und ich waren gerade in einem Gespräch. Sie hatte mir auf ihre Weise etwas mitgeteilt – eindeutig genug, dass ich sie verstehen konnte. Hätte ich ihre Antwort erst dann gelten lassen, wenn sie zusätzlich das passende Wort sagt, hätte ich ihre nonverbale Mitteilung in diesem Moment nicht als das genommen, was sie bereits war: vollwertige Kommunikation.
Statt unser Gespräch fortzuführen, wären wir für einen Moment daraus ausgestiegen. Aus Ich sage dir etwas – du verstehst mich – und etwas passiert zwischen uns wäre eine kleine sprachliche Aufgabe geworden.
Dabei hatte sie gerade etwas ganz Wesentliches erlebt: Es lohnt sich, mich mitzuteilen. Mein Gegenüber versteht mich. Was ich mitteile, bewirkt etwas.
Das bedeutet nicht, dass Sprache in solchen Momenten keinen Platz haben soll. Im Gegenteil. Ich hatte ihr mit „Auf die Füße!“ das passende Wort angeboten – mitten in einer Situation, in der es Bedeutung hatte.
Sprache anbieten ist etwas anderes als Sprache einfordern. Nicht jede Gelegenheit, in der ein Wort möglich wäre, muss zu einer Sprachübung werden.
Wir können die Kommunikation ernst nehmen, die bereits da ist – und Sprache darin wachsen lassen.
Vom "Schau mal" zum Mitspielen
„Schau mal!“, „Schau mal, was ich habe!“, „Magst du noch einmal?“, „Soll ich das noch einmal machen?“
Solche Sätze gehören ganz selbstverständlich zu unserem Alltag mit Kindern. Und natürlich ist nichts falsch daran, sie zu verwenden.
Trotzdem lohnt es sich manchmal, genauer hinzuschauen, was dabei passiert: Wir versuchen, die Aufmerksamkeit des Kindes zu unserer Idee zu holen.
Gerade bei Kindern, deren wechselseitige Kommunikation sich erst entwickelt, kann es hilfreich sein, die Richtung für einen Moment umzudrehen.
Nicht zuerst: Wie bekomme ich dein Interesse? Sondern: Wo ist dein Interesse schon – und wie kann ich dort andocken?
Vor Kurzem saß eine Mama neben der Bohnenwanne, ihre Tochter mitten darin. Das Mädchen zog ihrer Mama einen Socken aus. Dann den zweiten. Die Mama griff die Idee auf und zog wiederum ihrer Tochter beide Socken aus. Gemeinsam versteckten sie alle vier Socken in den Bohnen.
Ich schlug der Mama vor, einen Socken wieder herauszuziehen und zu schauen, ob daraus ein gemeinsames Spiel entstehen könnte. Eine wunderbare Idee.
Das Mädchen empfand das nicht so. Sie interessierte sich längst für etwas anderes. Während wir Erwachsenen noch bei den Socken waren, ließ sie Bohnen über ihre Oberschenkel rieseln.
Also ließen wir die Socken Socken sein. Die Mama nahm Bohnen in beide Hände und hielt sie ihrer Tochter hin. Das Mädchen öffnete die Hände der Mama. Die Bohnen rieselten heraus. Sie freute sich. Mama nahm wieder Bohnen. Wieder öffnete das Mädchen ihre Hände.
Nach einigen Wiederholungen machte die Mama eine Pause. Und das Mädchen forderte sie auf ihre Weise dazu auf, weiterzumachen. Sie waren im Gespräch.
Nicht, weil die Mama die perfekte Spielidee gefunden hatte. Sondern weil sie bemerkt hatte, dass ihre Tochter bereits eine hatte.
Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Veränderungen für uns Erwachsene. Wir sind es gewohnt, Kindern etwas zu zeigen und zu erklären. Wir kommentieren. Wir stellen Fragen. Wir haben Ideen und möchten sie mit ihnen teilen.
Einfach mitzumachen, ohne schon zu wissen, wohin das gemeinsame Tun führen soll, kann sich erstaunlich ungewohnt anfühlen. Und wenn dabei auch noch jemand zusieht, vielleicht sogar eine Fachperson, kann Unsicherheit dazukommen. Was soll ich jetzt machen? Mache ich das überhaupt richtig?
Manchmal braucht es ein bisschen Mut, den eigenen erwachsenen Blick für einen Moment in den Hintergrund treten zu lassen. Nicht sofort erklären. Nicht aus jeder Handlung eine Geschichte machen. Nicht schon wissen müssen, wohin das Spiel führen soll. Sondern wahrnehmen, mitmachen, antworten. Warten, was zurückkommt.
Vielleicht probierst du etwas aus und dein Kind interessiert sich überhaupt nicht dafür. Das ist in Ordnung. Dann hat es dir bereits etwas mitgeteilt.
Denn Kommunikation entsteht nicht dadurch, dass wir immer die richtige Idee haben. Sie entsteht auch dadurch, dass wir bemerken, wenn unsere Idee gerade nicht die des Kindes ist. Und dann schauen wir weiter.
Ein Wort ist mehr als eine Lautfolge
Wenn ein Kind noch wenig spricht, liegt ein Gedanke nahe: Vielleicht müssen wir Wörter einfach möglichst oft vorsprechen, damit das Kind sie nachsprechen kann.
Nachahmung kann ein Baustein auf dem Weg zur Sprache sein. Doch ein Wort aussprechen zu können und ein Wort selbstständig und bedeutungsvoll zu verwenden, sind zwei unterschiedliche Dinge.
Ein Kind kommt zur Tür herein. „Sag Hallo.“ - „Hallo.“ Später geht es wieder. „Sag Tschüss.“ - „Tschüss.“
Wenn sich das über Wochen und Monate wiederholt, wissen wir irgendwann ziemlich sicher: Dieses Kind kann diese Wörter reproduzieren.
Wir wissen deshalb noch nicht, ob es verstanden hat, was „Hallo“ und „Tschüss“ bedeuten, wann Menschen diese Wörter verwenden und welche kommunikative Funktion sie haben.
Ein Wort braucht mehr als seine Laute. Es braucht Bedeutung.
Stell dir dagegen ein Kind vor, das gerade mit einem Auto spielt. Es nimmt das Auto in die Hand. Betrachtet es. Schiebt es über den Boden. Vielleicht macht es ein Motorengeräusch. Der Erwachsene ist mitten in diesem Tun dabei und sagt immer wieder: „Auto.“
Das Wort gehört nun zu etwas, das das Kind gerade sieht, berührt und erlebt. Nach und nach kann eine Verbindung entstehen: Dieses Wort bedeutet etwas.
Deshalb erzählt uns auch die Anzahl der Wörter, die ein Kind sagen kann, noch nicht alles über seine kommunikative Entwicklung. Ein Kind kann Farben benennen, zählen oder Buchstaben erkennen und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, in ein wechselseitiges Gespräch zu kommen.
Das eine ist nicht mehr oder weniger wert als das andere. Es zeigt uns unterschiedliche Seiten der Entwicklung eines Kindes.
Vielleicht erzählt dein Kind längst
Natürlich darfst du dir wünschen, dass dein Kind einmal spricht.
Vielleicht möchtest du seine Stimme hören. Vielleicht möchtest du wissen, was es denkt und erlebt. Du möchtest, dass es sagen kann, wenn ihm etwas weh tut. Dass es erzählen kann, was passiert ist. Dass es sagen kann, was es möchte – und was nicht.
Das ist ein verständlicher Wunsch. Und vielleicht hängt an den ersten Worten manchmal noch etwas anderes. Die Hoffnung, dass vieles leichter wird, wenn das Kind erst einmal sprechen kann.
Gesprochene Sprache kann vieles verändern und neue Möglichkeiten eröffnen. Sie verändert jedoch nicht unbedingt die Art, wie ein Mensch seine Umwelt wahrnimmt und verarbeitet, wie er fühlt oder was er braucht.
Deshalb müssen wir mit dem Miteinander nicht warten, bis die Wörter kommen. Wir können schon viel früher anfangen, miteinander zu sprechen.
Mit Blicken. Mit Bewegungen. Mit Gesten. Mit Lauten. Mit Bildern oder Gebärden. Mit einem Talker. Mit zwei Händen voller Bohnen. Oder mit einem Paar Füße, das uns ziemlich eindeutig sagt: Ich hätte gerne noch einen Rückwärtspurzelbaum.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, neben der Frage „Wann wird mein Kind sprechen?“ noch eine zweite zu stellen: „Was erzählt mir mein Kind schon heute?“ Und vielleicht beginnt genau dort ein Gespräch, lange bevor das erste Wort fällt.

Wenn du diesen Blick vertiefen möchtest
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