Diagnose Autismus - was jetzt?

Über die Angst, etwas zu versäumen - und den Mut, wieder auf das eigene Kind zu schauen

Möglicherweise hast du lange auf diesen Termin gewartet. Vielleicht hast du schon damit gerechnet, oder die Diagnose trifft dich völlig unerwartet.

Und dann steht dieses Wort plötzlich im Raum: Autismus

Vielleicht bist du erleichtert. Endlich gibt es einen Namen für das, was du schon lange beobachtest. Vielleicht bist du traurig. Vielleicht hast du Angst. Bist wütend, verunsichert oder fühlst dich hilflos.

Vielleicht fragst du dich vor allem: Und was jetzt?

Es gibt keine richtige Antwort darauf, wie sich eine Diagnose anfühlen sollte. Und es gibt auch keinen richtigen Zeitpunkt, an dem man wissen müsste, wie es weitergeht.

Denn während dieses eine Wort plötzlich sehr groß werden kann, ist da noch jemand anderes: dein Kind.

Dasselbe Kind, das gestern noch keine Diagnose hatte.

Und vielleicht lohnt es sich, genau dort wieder hinzuschauen.

 

Was eine Diagnose nicht erzählen kann

Eine Diagnose kann bestimmte Merkmale benennen. Sie kann beschreiben, dass ein Kind in manchen Bereichen anders wahrnimmt, verarbeitet, kommuniziert oder mit seiner Umwelt in Beziehung tritt.

Sie erzählt uns aber nicht, wie dieses eine Kind seine Welt erlebt.

Sie erzählt uns nicht, warum es in einer bestimmten Situation so reagiert, wie es reagiert. Was es überfordert und was ihm Sicherheit gibt. Was es zum Lachen bringt. Was es fasziniert. Wann es Nähe sucht und wann es Abstand braucht.

Sie erzählt uns nicht, welche Erfahrungen ein Kind bereits gemacht hat, welche Strategien es entwickelt hat und welche seiner Verhaltensweisen unmittelbar mit seinen individuellen Voraussetzungen zusammenhängen – oder sich vielleicht erst als Antwort darauf entwickelt haben.

Und vor allem: Eine Diagnose erzählt uns nicht, wer dieses Kind ist.

 

Fünf Kinder. Fünf Menschen.

Stell' fünf Kinder nebeneinander. Manche von ihnen sind autistisch, andere nicht.

Was weißt du über diese fünf Kinder? Noch fast nichts.

Du weißt nicht, was sie zum Lachen bringt. Wovor sie sich fürchten. Was sie fasziniert. Ob sie Trubel lieben oder Ruhe suchen. Wie sie Nähe erleben. Welche Ideen in ihnen stecken. Was sie schon gelernt haben und woran sie gerade wachsen.

Fünf Kinder sind fünf unterschiedliche Menschen. 

Eine Diagnose ändert daran nichts.

 

Wenn aus „Was jetzt?“ ein „Was noch?“ wird

Nach einer Diagnose entsteht oft ein verständlicher Wunsch: etwas zu tun.

Du beginnst vielleicht zu lesen und zu recherchieren. Du bekommst Empfehlungen. Jemand erzählt von einer Therapie, jemand anderes von einer Methode. Vielleicht gibt es Wartelisten. Vielleicht hörst du, wie wichtig frühe Unterstützung sei. Vielleicht kennst du andere Familien, die dieses oder jenes ausprobiert haben.

Und irgendwann kann aus der Frage „Was könnte meinem Kind helfen?“ eine andere werden: „Was könnten wir noch machen?“

Denn da ist diese Sorge, etwas zu versäumen.

Was, wenn genau diese Therapie wichtig wäre? Was, wenn wir zu lange warten Was, wenn wir später zurückblicken und uns fragen, ob wir damals nicht genug getan haben?

Hinter all diesen Fragen steckt etwas sehr Verständliches: Du möchtest deinem Kind Möglichkeiten eröffnen. Du möchtest Verantwortung übernehmen. Du möchtest eines Tages nicht denken müssen: Hätten wir doch ...

Und vielleicht ist gerade deshalb eine andere Frage manchmal mindestens genauso wichtig.

 

Du musst nicht alles machen

Eine Diagnose bedeutet nicht, dass von nun an möglichst viele Therapien in möglichst wenig Zeit passen müssen. Und eine Empfehlung bedeutet nicht automatisch, dass ein Angebot auch zu deinem Kind passt.

Du darfst auswählen. Du darfst fragen, warum etwas gemacht wird. Du darfst wissen wollen, welches Ziel dahintersteht. Du darfst beobachten, wie es deinem Kind damit geht. Du darfst nachfragen, wenn du nicht verstehst, warum etwas sinnvoll sein soll. Und du darfst deinem eigenen Blick auf dein Kind Bedeutung geben – und ihm vertrauen.

Vielleicht muss die Frage deshalb nicht immer lauten: Was können wir noch tun? Vielleicht lohnt es sich manchmal zuerst zu fragen: Was zeigt uns unser Kind schon? Was braucht es gerade? Und was könnte zu ihm passen?

 

Ankommen und sein

Vielleicht waren die vergangenen Wochen oder Monate voll. Voller Beobachtungen und Sorgen. Voller Termine, Gespräche, Untersuchungen und Fragen. Vielleicht hast du lange auf die Diagnostik gewartet – und kaum ist sie vorbei, scheint schon die nächste Liste vor dir zu liegen.

Therapie. Unterstützung. Förderung. Beratung. Noch ein Termin.

Dabei darf nach einer Diagnose auch etwas anderes passieren: 

Ihr dürft ankommen. Nicht, weil Entwicklung jetzt warten müsste. Nicht, weil es nichts zu tun gäbe. Und auch nicht, weil du deinem Kind Möglichkeiten vorenthalten solltest. Sondern weil Ankommen vielleicht überhaupt erst den Raum schafft, wieder hinzuschauen.

Nicht darauf, wie dein Kind einmal sein sollte. Sondern neugierig darauf, wie es jetzt gerade ist. Was beschäftigt dein Kind? Was interessiert es? Was gelingt ihm bereits? Wann fühlt es sich sicher? Wann entsteht zwischen euch Verbindung? Was macht euren Alltag schwer – und was macht ihn leichter?

Vielleicht besteht wertvolle Zeit deshalb nicht nur darin, möglichst schnell den nächsten Schritt zu machen. Vielleicht liegt sie auch in den Momenten, in denen wir innehalten und wahrnehmen, was längst vor uns liegt.

 

Eine Diagnose schreibt Entwicklung nicht vor

Wir wissen nicht, was in einem Jahr sein wird. Nicht in fünf Jahren und nicht in zehn. Eine Diagnose kann diesen Weg nicht vorwegnehmen.

Was wir tun können, ist hinschauen.

Welche Entwicklungskapazitäten stehen deinem Kind bereits zur Verfügung? Wie nimmt es seine Umwelt wahr? Was hilft ihm, sich sicher und reguliert zu fühlen? Wofür interessiert es sich? Wie nimmt es Kontakt auf? Wann gelingt ein Hin und Her?

Wir müssen nicht dort beginnen, wo ein Kind laut Alter, Erwartungen oder Diagnose stehen sollte. Wir können dort beginnen, wo dein Kind tatsächlich steht. Und von dort gemeinsam weitergehen.

Denn dein Kind trägt Entwicklungspotenzial in sich. Eine Diagnose kann uns nicht sagen, wohin dieses Entwicklungspotenzial führen wird.

 

Du kannst etwas beitragen

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Botschaften, die nach einer Diagnose leicht untergehen kann: Du bist nicht machtlos.

Und gleichzeitig musst du nicht zur Therapeutin oder zum Therapeuten deines eigenen Kindes werden. Du bist Mama. Du bist Papa. Du bist ein Mensch, mit dem dein Kind Alltag erlebt, lacht, streitet, spielt, isst, wartet, ausprobiert und immer wieder neu in Beziehung tritt.

Genau darin liegen unzählige Möglichkeiten für Entwicklung. 

Vielleicht verändert sich mit der Frage:  Wo steht mein Kind gerade – und wie können wir von dort gemeinsam weitergehen? mit der Zeit dein Blick auf manche Situationen. 

Du bemerkst genauer, was deinem Kind Sicherheit gibt und wofür es sich interessiert. Ein Verhalten, das dich bisher ratlos gemacht hat, bekommt vielleicht einen anderen Sinn. Du entdeckst einen kurzen Blick, ein gemeinsames Lachen oder eine kleine Idee, die zwischen euch entsteht.

 

Der Weg beginnt bei deinem Kind

Vielleicht fühlt sich nach einer Autismusdiagnose vieles anders an. Vielleicht bist du erleichtert, endlich eine Erklärung zu haben. Vielleicht möchtest du sofort wissen, wie es weitergeht. Vielleicht brauchst du Zeit. Vielleicht bist du traurig, verzweifelt oder kannst dir gerade überhaupt nicht vorstellen, wie es weitergehen soll.

All das darf sein. Nur eines müssen wir dabei nicht aus den Augen verlieren: den Menschen hinter der Diagnose.

Dein Kind ist mehr als das, was in einem Befund über es geschrieben steht. Mehr als seine Herausforderungen. Mehr als seine Entwicklungskapazitäten. Und auch mehr als seine Stärken.

Es ist ein Mensch mit einer eigenen Art zu fühlen, zu denken, wahrzunehmen, zu lernen und in Beziehung zu sein.

Wir wissen heute vielleicht noch nicht, wohin sein Weg führen wird. Das müssen wir auch nicht. Lass uns schauen, wo dein Kind gerade steht – und von dort gemeinsam weitergehen.

Vielleicht darf genau dort etwas beginnen: Ankommen und sein.

Wenn du dir dabei Begleitung wünschst,  bietet Naturspiel verschiedene Arten der Begleitung, um gemeinsam hinzuschauen.

Wenn du diesen Gedanken vertiefen möchtest

Ergotherapie, Logopädie, Entwicklungsbegleitung - Was braucht mein Kind? Ein Blick darauf, woran du dich orientieren kannst, wenn du nach einer passenden Begleitung für dein Kind suchst.

 

Naturspiel

Naturspiel begleitet Kinder und ihre Familien dabei, eine gemeinsame Welt zu entdecken – damit Beziehung wachsen und Entwicklung entstehen kann.

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