Ein Kind, zwei Stunden, zwei Blicke.
Was wir in einer Einzelbegleitung sehen, hängt davon ab, worauf wir schauen
Ein Bub ist fünf Jahre alt. Er ist viel in Bewegung und sucht intensive sensorische Erfahrungen. Gleichzeitig zeigt er Unsicherheiten in Bezug auf grobmotorische Herausforderungen.
Er wird schnell sehr laut und braucht noch viel Unterstützung dabei, seinen Erregungszustand zu regulieren. Sprache nutzt er vor allem dann, wenn er sich sicher fühlt. Eigene Initiativen zeigt er noch selten, und wechselseitiger Austausch gelingt ihm meist nur über kurze Strecken.
Situationen, in denen andere über ihn oder sein Tun bestimmen, können schnell zu Widerstand führen.
Stellen wir uns vor, dieser Bub kommt zu zwei Therapiestunden. In beiden Räumen gibt es eine Bohnenwanne, bunte Meerestiere, eine Leiter und ein Rutschbrett, das in die Leiter eingehängt werden kann.
Und in beiden Räumen begegnet ihm eine Therapeutin, die aufmerksam hinschaut, ihn ernst nimmt und seine Entwicklung unterstützen möchte.
Trotzdem werden zwei sehr unterschiedliche Stunden entstehen.
Die erste Stunde
Die Therapeutin hat sich vor der Stunde Gedanken gemacht. Sie hat überlegt, welche Erfahrungen und Fähigkeiten für den Buben gerade wichtig sein könnten, und den Raum entsprechend vorbereitet.
In einer großen Bohnenwanne hat sie bunte Meerestiere versteckt. Gemeinsam mit dem Buben macht sie sich auf die Suche. Er greift in die Bohnen, lässt sie durch seine Finger rieseln und findet schließlich einen kleinen Fisch. Die Therapeutin freut sich mit ihm. „Schau mal, ein Fisch! Welche Farbe hat er?“
Der Bub antwortet nicht. Sie gibt ihm Zeit und bietet schließlich selbst an: „Der ist blau.“ Neben der Wanne stehen verschiedenfarbige Behälter. Gemeinsam suchen sie den passenden und der blaue Fisch wandert in die blaue Schachtel.
Dann wird weitergesucht. Die Therapeutin begleitet ihn aufmerksam, hilft, wenn etwas schwierig wird, und greift seine Freude auf, wenn wieder ein Tier zum Vorschein kommt.
Mit dieser Station verbindet sie verschiedene Zielsetzungen: taktile Erfahrungen, gezieltes Greifen und Feinmotorik, die Benennung der Tiere sowie das Erkennen und Zuordnen von Farben.
Danach geht es zur zweiten Station. Die Leiter und das Rutschbrett sind bereits aufgebaut und mit Matten gesichert. Der Bub darf hinaufklettern und über das Rutschbrett wieder nach unten kommen.
Die Therapeutin bleibt in seiner Nähe. Wo er unsicher wird, gibt sie ihm Sicherheit. Sie ermutigt ihn, selbst nach einer Lösung zu suchen, und freut sich mit ihm, wenn er oben angekommen ist.
Auch hinter dieser Station stehen sorgfältige Überlegungen: Grobmotorik, bilaterale Koordination, Handlungsplanung, Risikoeinschätzung und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Es ist eine gut vorbereitete Stunde. Die Therapeutin weiß, warum sie welches Material gewählt hat. Sie hat Entwicklungsbereiche im Blick und überlegt, mit welchen Tätigkeiten sie diese ansprechen kann.
Nun stellen wir uns vor, derselbe Bub kommt in einen anderen Raum.
Die zweite Stunde
Auch hier gibt es eine Bohnenwanne mit bunten Meerestieren. Die Leiter und das Rutschbrett hängen an der Wand. Was heute damit geschehen wird, weiß zu Beginn der Stunde noch niemand.
Der Bub steigt in die Bohnenwanne und beginnt zu suchen. Irgendwann taucht zwischen den Bohnen ein kleiner Fisch auf. „Oh! Ein blauer Fisch!“ Wir freuen uns über den Fund und schauen gemeinsam, ob wir noch mehr Tiere entdecken können. Dabei schieben wir die Bohnen von einer Seite der Wanne zur anderen. Immer mehr. Immer schneller.
Eine Welle entsteht. Der Bub wird wilder und lauter. Ich drücke auf einen imaginären Knopf am Rand der Bohnenwanne. „Oh, die Welle ist so laut - ich schalte sie lieber schnell aus!“ Die Welle stoppt. Der Bub schaut mich an, lacht – und drückt auf den Knopf, um die Welle wieder einzuschalten.
Bohnen rauschen durch die Wanne. Wir finden ein Tier. Welle aus. Wieder an. Als die Welle erneut größer, schneller und lauter wird, entdecke ich diesmal einen Regler. Ich schiebe ihn langsam zurück.
Die Welle wird kleiner. Der Bub wird langsamer und leiser. Eine Weile funktioniert unser Regler wunderbar. Bis die Welle plötzlich wieder mit voller Kraft durch die Wanne rauscht. Ich schaue gespielt irritiert auf unseren Regler. „Oh nein, das gibt's doch nicht. Der steht doch auf langsam! Der muss kaputt sein.“
Also schalten wir die Welle aus und reparieren ihn. Längst ist aus dem Suchen nach Meerestieren ein gemeinsames Spiel geworden. Irgendwann lädt der Bub auch seine Mama dazu ein. Nun sind wir zu dritt. Einer macht die Welle, einer bedient den Schalter, dann wird gewechselt.
Später möchte der Bub die Leiter aufbauen. Die hängt noch an der Wand – und leider ist sie viel zu schwer für mich allein. „Hilfst du mir? Ho ruck!“
Gemeinsam bekommen wir sie vom Haken und schieben sie zur Matte. Der Bub würde am liebsten sofort hinaufklettern, doch noch steht sie nicht sicher. Wir brauchen die Verstrebungen aus dem Kasten. Schrauben aufdrehen, Verstrebungen einsetzen, wieder zuschrauben.
Dann fehlt noch das Rutschbrett. Der Bub entscheidet, auf welcher Sprosse wir es einhängen. Ob seine gewählte Höhe tatsächlich gut passt, muss ich ihm nicht erklären. Er darf es ausprobieren.
Endlich kann es losgehen. Er klettert hinauf, probiert verschiedene Wege und ich bleibe zum Sichern in seiner Nähe. Irgendwann holt er einen Ball aus der Kiste dazu und lässt ihn über das Rutschbrett rollen.
Der Ball verschwindet unter dem Kletterdreieck. „TOR!“ Wir drei jubeln.
Er holt den Ball und wirft ihn in die Spiegelhöhle. Dann nimmt er den nächsten. Ich möchte auch einen haben. Keine Chance. Ich versuche es noch einmal. Spielerisch, mit viel Affekt. Immer noch nein. Na gut, also hat nur er einen Ball.
Wir lassen ihn wieder hinunterrollen, Tor! Dann ab damit in die Spiegelhöhle und den nächsten Ball holen. Ich möchte auch einen haben. "Bitte, bitte, bitte". Mir viel Affekt und spielerischem Bitten und Betteln lässt er mich plötzlich einen Ball nehmen.
Ich soll meinen als erste hinunterrllen lassen. Ich warte, bis wir eine gemeinsame Aufmerksamkeit haben. „Bist du bereit? Eins ... zwei ... uuuuund drei!“ Mein Ball rollt hinunter. „TOR!“
Jetzt ist er dran. Wieder Tor. Sein Ball kommt in die Spiegelhöhle. Meiner auch. Zumindest war das der Plan. Denn manchmal kann es erstaunlich schwierig sein, eine Spiegelhöhle zu treffen.
Der Bub findet das ziemlich lustig. Und wir beginnen von vorne.
Was ist in dieser Stunde eigentlich passiert?
Wenn ich nur die Tätigkeiten aufzähle, klingt die Stunde erstaunlich unspektakulär. Wir haben Meerestiere in Bohnen gesucht. Bohnen hin- und hergeschoben. Eine Leiter aufgebaut. Bälle über ein Rutschbrett rollen lassen.
Ich habe dabei noch sehr viel mehr gesehen. In der Bohnenwanne wurde der Bub zunehmend erregter. Ich hätte unser Spiel unterbrechen und ihn auffordern können, langsamer oder leiser zu werden. Stattdessen blieb ich seine Mitspielerin. Aus seinem wilden Schieben entstand unsere Welle. Aus der Welle entstanden Schalter und Regler. Und plötzlich konnten wir innerhalb unseres Spiels mit seinem Erregungszustand spielen: laut und leise, schnell und langsam, an und aus.
Er ließ meine Idee hinein und antwortete darauf. Er schaltete die Welle wieder ein. Wir reparierten gemeinsam den kaputten Regler. Schließlich brachte er selbst seine Mama in unsere gemeinsame Idee mit hinein.
Da waren Co-Regulation und wechselseitige Kommunikation. Initiation, Flexibilität und symbolisches Denken. Und immer wieder die Erfahrung: Meine Idee kommt beim anderen an. Mein Tun macht einen Unterschied. Und vielleicht am wichtigsten: Ich darf sein, wie ich bin.
Auch beim Aufbau der Leiter begann Entwicklung für mich nicht erst mit dem ersten Schritt auf eine Sprosse. Wir brauchten einander schon lange davor. Gemeinsam tragen. Gemeinsam schieben. Warten, obwohl der Bub längst klettern möchte. Ein Problem nach dem anderen lösen. Schrauben öffnen und schließen. Eine Höhe auswählen, ausprobieren und vielleicht auch feststellen, dass die eigene Einschätzung nicht ganz gepasst hat.
Natürlich waren darin Grob- und Feinmotorik, bilaterale Koordination und Handlungsplanung enthalten. Doch eben nicht nur.
Und dann kam der Ball. Der Ball stand auf keinem Therapieplan. Er kam ins Spiel, weil der Bub eine Idee hatte. Zuerst war es ausschließlich seine Idee. Ich durfte keinen Ball haben. Ein paar Kommunikationskreise später konnte er mich hineinlassen. Nun gab es seinen Ball und meinen. Wir warteten aufeinander, beobachteten einander, freuten uns gemeinsam und entwickelten die Idee weiter. Er musste seine Idee nicht aufgeben, um meine aufnehmen zu können. Unsere gemeinsame Idee konnte aus seiner heraus wachsen.
Und ja: Auch in dieser Stunde wurden Meerestiere gegriffen. Auch die taktile Wahrnehmung war beteiligt. Und auch Farben kamen vor: „Oh! Ein blauer Fisch!“ Nur waren diese Dinge nicht der Ausgangspunkt unserer Begegnung.
Zwei Stunden - und keine davon war ziellos
In beiden Stunden hat eine Therapeutin ihr Fachwissen eingesetzt. Beide haben genau hingeschaut. Beide wollten dem Buben Entwicklung ermöglichen. Und beide hatten Ziele.
Der Unterschied liegt nicht darin, dass eine Therapeutin geplant hat und die andere „einfach nur gespielt“ hat. Der Unterschied liegt im Ausgangspunkt.
Ich kann mich fragen: Welche Fähigkeiten möchte ich mit diesem Kind üben – und welche Tätigkeit eignet sich dafür?
Oder ich kann mich fragen: Was geschieht gerade – und welche Entwicklungsmöglichkeiten liegen darin?
Die erste Frage führt mich vielleicht dazu, Meerestiere in Bohnen zu verstecken und eine Leiter vorzubereiten. Die zweite lässt mich noch nicht wissen, was heute aus den Meerestieren, den Bohnen oder der Leiter werden wird.
Doch nicht nur der Weg hat sich verändert. Auch die Ziele, nach denen ich Ausschau halte, sind andere geworden. Im Mittelpunkt stehen für mich heute weniger einzelne Fertigkeiten als die sozial-emotionalen Entwicklungskapazitäten, die Entwicklung tragen: sich regulieren und in Beziehung bleiben, wechselseitig kommunizieren, eigene Ideen entwickeln, die Ideen eines anderen aufnehmen und schließlich gemeinsam Probleme lösen.
Das bedeutet nicht, dass Fertigkeiten keine Rolle mehr spielen. Sie begegnen uns überall – beim Greifen nach einem Meerestier genauso wie beim Aufbau einer Leiter. Nur sind sie für mich nicht mehr der Ausgangspunkt einer Stunde.
Ich habe nicht aufgehört, Entwicklungsziele zu sehen. Ich habe verändert, worauf ich meinen Blick richte – und lege den Weg dorthin nicht vor dem Kind fest.
Wenn zuschauen als alles andere als "nichts tun" bedeutet
Von außen kann eine solche Stunde manchmal erstaunlich unspektakulär aussehen. Vielleicht geht ein Kind über Wochen zuerst an denselben Ort. Vielleicht möchte es immer wieder in die Bohnenwanne. Vielleicht springt es zwischendurch lange auf Pölstern.
Und manchmal sitze ich tatsächlich daneben und schaue zu. Doch auch in diesen Momenten bin ich sehr präsent und beobachte: Braucht dieses Kind die Bewegung gerade, um sich zu regulieren? Wo ist es mit seiner Aufmerksamkeit? Entsteht irgendwo eine kleine Öffnung zu mir? Kann ich mich in sein Tun einfädeln – oder braucht es mich gerade genau dort, wo ich bin?
Andere Fragen
Bei Naturspiel geht es oft darum, kleiner zu schauen.
Nicht nur das große Ziel zu sehen, sondern einen Blick, eine Geste, eine kleine Initiative, den einen Kommunikationskreis, der gerade gelungen ist. Wahrzunehmen, was ein Kind schon zeigt und was genau in diesem Moment zwischen uns entsteht.
Und trotzdem begann mein eigener Weg zu Naturspiel mit dem Wunsch, größer zu schauen. Viele Jahre beschäftigte mich die Frage, welche Fertigkeit ein Kind als Nächstes lernen sollte und wie ich ihm dabei helfen kann. Irgendwann reichte mir diese Frage nicht mehr. Ich wollte wissen: Was braucht ein Kind wirklich, um seinen eigenen Weg im Leben gehen zu können?
Was hilft einem Menschen, Beziehungen zu gestalten, Herausforderungen zu bewältigen, eigene Ideen zu entwickeln, gemeinsam Lösungen zu finden und dabei mit sich selbst und anderen in Verbindung zu bleiben?
Und was können wir Erwachsenen dazu beitragen, dass genau diese Fähigkeiten wachsen? Vielleicht schaue ich deshalb heute in einer Einzelbegleitung so genau auf die kleinen Dinge. Auf einen Schalter, den es gar nicht gibt. Auf eine Leiter, die wir nur gemeinsam tragen können. Auf einen Ball, den ich zuerst nicht haben darf. Denn in diesen kleinen Momenten können manchmal ziemlich große Dinge entstehen.
Naturspiel
Naturspiel begleitet Kinder und ihre Familien dabei, eine gemeinsame Welt zu entdecken – damit Beziehung wachsen und Entwicklung entstehen kann.
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